echt Glaube

... wie weit
der Himmel ist

Mein Glaube sucht sich Räume. Nicht immer Häuser, nicht immer Kirchen. Aber immer Plätze mit Charakter. Die gotische Kathedrale steht da gleichberechtigt neben der kleinen Fachwerkkirche oder dem „Herrgottswinkel“ im südlichen Bauernhaus. Selbst eine Lichtung im Wald kann solch ein Raum sein, umgrenzt von den alten Stämmen der Buchen, durch deren Blätterkronen das Sonnenlicht bricht. Ein Platz, an dem ich mich geborgen fühle und der mir zugleich von der Weite einer anderen Heimat erzählt.

Mein Glaube sucht sich Orte, an die er mich führen kann und an die ich zurückkehren kann, wenn es mit dem Glaubenkönnen nicht so weit her ist. Dann helfen mir Atmosphäre und Charakter des Platzes, mich wieder zu fangen und wieder hineinzustellen in die Tradition der Menschen, denen der Glaube geholfen hat. Weil Glaube mit Leben zu tun hat, mit Gedächtnis und mit Geschichte, bedient er sich der Plätze, an denen gelebt und geglaubt und die Erinnerung wach gehalten wird.

Mein Glaube sucht sich Plätze und er schafft mir Raum jenseits aller Orte. Wer je in der Wüste war, weiß, dass es Plätze im Ortlosen gibt, wo die Grenzen weit sind, als Dach das Firmament dient, wo mich unendliche Weite zu umgeben scheint. Spätestens da ist zu spüren, dass sich Gott nicht in Mauern fangen oder fassen lässt. Er ist unterwegs mit den Menschen, auch wenn sie mit Raketen durchs All fliegen oder mit schnellen Schiffen über den Ozean fahren (Psalm 139,8+9). Gott stellt meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31, 9) und traut mir zu, diese Weite auszuhalten. Für Generationen von frommen Menschen war wohl auch deswegen die Wüste der Platz, an dem sie im Glauben zu leben versucht haben. Die Räume jenseits aller Orte lassen einen die Weite Gottes spüren.

Wieviel Raum zum Stehen und Laufen, wieviel Luft über dem Kopf der Himmel für uns bereit hält – nichts anderes wollten auch die Bauherren der mittelalterlichen Kirchen zum Ausdruck bringen. Sie bauten deswegen mit voller Absicht ihre Dome und Kathedralen doppelt so groß, wie es eigentlich nötig gewesen wäre. Man wollte damit der Gemeinde, den Besucherinnen und Besuchern der Kirche einen Eindruck, eine Ahnung zumindest, davon geben, wie weit der Himmel ist! So ist das wohl: Der Glaube braucht einen Ort und sprengt doch jeden Raum. So wie Gott selbst, als er Mensch wurde, einen Raum in der Herberge brauchte und dann außerhalb des Ortes den Himmel auf die Erde brachte.

Helwig Wegner



erschienen in echt, 1. Quartal 2000
Copyright by EKHN, Darmstadt
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