Heimaterde

Kommen sie um fünf, sagt der Mann vom Beerdigungsunternehmen, dann besprechen wir alles in Ruhe. Mein Neffe sagt: Sie war meine Oma, ich will mit.
Der Bestatter bietet uns alles an, was er im Angebot hat. Erde, Feuer, Wasser, Luft, wobei das Wasser Seebestattung heißt. Er sagt: Die letzte Ruhe findet der Menschen am besten dort, wo seine Heimat war. In der Heimaterde
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Mein Neffe will wissen, ob das nicht egal sei, schließlich sei die Seele, die ja das Wichtigste ist, längst...Er guckt an die Zimmerdecke und meint den Himmel. Schon wahr, sagt der Bestatter, nur müsse ja der Körper auch seine Ruhe finden. Ich sehe meinem Neffen an, was er denkt: Ruhiger als der Körper seiner Oma, von dem er Abschied genommen hat, kann ein Körper gar nicht sein.

Der Bestatter ist ein alter Herr. Er erinnert an den Krieg und an seine gefallenen Kameraden, die, egal, wo sie umkamen, von ihren Angehörigen zurückgeholt wurden in die Heimat. Weil, erklärt er, der Mensch seine letzte Ruhe nur in der Heimaterde finden kann. Und Menschen, sagt er, die auswandern, nehmen auch gerne ein Döschen Heimaterde mit in ihre neue Heimat.

Ich kenne einen Mann, sage ich, der hat im Wohnzimmer auf der Anrichte ein Gläschen Auschwitzerde stehen. Die nennt er Heimaterde, weil er auf diesem Fleck Erde dem Tode so nah war und weil er dort, auch wenn er hier lebt, sein Leben gelassen hat. Er war dieser Erde zutiefst verbunden.

Wir sitzen hier zusammen, sagt der Bestatter und guckt meinen Neffen an, weil deine Oma ihre letzte Ruhe finden soll. Ich sage: Sie wünscht sich ein Seemannsgrab.

Mein Neffe fragt: Ist die See auch Heimaterde?

Gewissermaßen ja.

Wieso?

Weil das Haus deiner Oma am Meer stand, erklärt der Bestatter. Und weil das Meer ihr zuverlässigster Begleiter war. Es ging, es kam, Ebbe und Flut, das Meer ist zuverlässiger als jeder Mensch. Und so launisch wie der Mensch: Mal sanft, mal wild. Auf dem Weg nach Hause fragt mein Neffe: Was ist eigentlich Luftbestattung?

Keine Ahnung. Vielleicht verbrennen sie den Toten, füllen seine Asche in eine Urne, fliegen mit ihr zwischen die Wolken und verstreuen die Asche in alle Winde.

Mein Neffe denkt lange nach, so, als müsse er sich mit dem Gedanken erst anfreunden. Dann scheint er sich sicher zu sein.

Dann ist die Luft also auch Heimaterde.

Gewissermaßen ja. Mir fällt dazu eine Zeile ein aus Paul Celans Todesfuge ein. Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.

Ich glaube, wenn mein neffe ein wenig älter ist, werde ich versuchen, ihm das zu erklären.

Liza Prust

 

“Wohin wenden, wenn ein Angehöriger stirbt?” heißt eine der ECHT Service-Listen, die auch auf diesen Seiten abrufbar sind.