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Rosa
Vives singt oft und gern, und wenn sie das melancholische
Lied anstimmt, in dem immer wieder die Worte ‘terra’ und ‘patria’
vorkommen, dann meint man Heimweh nach der verlorenen Heimat
Mallorca herauszuhören. Seit mehr als 30 Jahren lebt die Spanierin
in Frankfurt. Der Gedanke an das Dorf ihrer Kindheit löst
bei ihr jedoch gemischte Gefühle aus. Denn dort war es so
langweilig, daß die junge Frau froh über jede Veränderung
war. Alles zurückzulassen, um als Gastarbeiterin nach Deutschland
zu gehen, bedeutete für sie den Start in ein neues, aufregenderes
Leben. Heute denkt sie nur selten an Rückkehr. Sie hat in
Deutschland in die Rentenkasse eingezahlt, hier kennt sie
ihre Ärzte und in der Nachbarschaft ist sie gut eingebunden.
Es sei ihr gutes Recht zu bleiben, und hier versorgt zu werden,
findet sie! So wie Rosa Vives stiegen vor mehr als 40 Jahren die ersten Gastarbeiter in den Zug nach Deutschland. Das aufstrebende Wirtschaftswunderland benötigte Arbeitskräfte und bediente sich in den Mittelmeerstaaten. 1955 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien geschlossen. Inzwischen leben 7,2 Millionen Menschen mit ausländischem Paß in Deutschland. Das sind 8,8 Prozent der Bevölkerung. Die ehemaligen „Gastarbeiter“ kommen langsam, aber sicher ins Rentenalter. Ein Drittel der ersten Generation der GastarbeiterInnen geht zurück ins Herkunftsland, ein Drittel pendelt zwischen beiden Ländern, und ein Drittel bleibt hier. Viele von ihnen werden ihren Lebensabend in Deutschland verbringen. Die meisten müssen umlernen, denn sie waren ja daran orientiert, nach wenigen Jahren mit ihrem Ersparten wieder nach Hause zurückzukehren. Nun ist Deutschland doch eine Art Zuhause geworden - obwohl sie hier als Ausländer gelten und im Heimatland als „Deutschländer“. In der spanischen Region Extremadura sieht man Maria Sanchez (59), Putzfrau, und ihren Mann Vicente Hinjos (62), seit zwei Jahren in Rente, nur noch im Urlaub. Sie haben nicht vor, ihr heimisches Duisburg zu verlassen: „Hier sind unsere Kinder, hier wachsen unsere Enkel auf!“ Die sprechen, im Unterschied zu den Großeltern, perfekt Deutsch. Die Eheleute haben im Mai 97 ihre Übungsleiterscheine für geselliges Tanzen erworben. Beim sonntäglichen Tanzkurs bringen die Dame mit Kurzhaarschnitt und buntem Rock und der Herr im Polohemd sechs Männer und fünf Frauen ins Schwitzen. Die Kommandos kommen auf Spanisch, die Musik klingt vom Band. Josef Paris ist begeistert: „Man verrostet nicht, und es ist wunderschön,“ erzählt der ehemalige Metallarbeiter zwischen Rumba und Walzer. „Wenn man in den Ruhestand kommt und zuhause sitzt und Fernsehen guckt, dann ist man fix und fertig. Aber wer in Bewegung ist, der bleibt immer jung!“ Einsamkeit ist für viele Menschen im Alter ein besonderes Problem, für Deutsche genauso wie für Nichtdeutsche. 60 % der alten Spanierinnen und Spanier klagen über Isolation, hat eine Umfrage des Projekts „Adentro“ (spanisch: hinein!) ergeben. Für viele ehemalige Gastarbeiter brechen die Kontakte zu Deutschen mit dem Ruhestand ganz ab. Sie beziehen sich wieder stärker auf ihre Landsleute. Delfina Veltran, seit 34 Jahren in Deutschland: „Es ist schön und gut, daß wir hier in Deutschland integriert sind, aber ab und zu müssen wir auch zusammen sein.“ Und dafür tun die ehemaligen „Adentro“-Teilnehmer etwas, unter anderem in Darmstadt und im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Gymnastik, Kaffeetrinken und Vorträge stehen auf dem Programm. Zum Informationsaustausch gehören auch die Erfahrungen mit dem ersten multikulturellen Altersheim „Haus am Sandberg“ beim Deutschen Roten Kreuz in Duisburg. Auch das Sterben wird im Alter häufiger Thema. Die Rituale der Muslims schreiben die Bestattung in Tüchern statt in einem Sarg und mit dem Gesicht nach Südosten in Richtung Mekka vor. Das ist auf deutschen Friedhöfen nicht üblich, aber möglich. Trotz erheblicher Kosten werden allerdings noch 90 - 95 % der türkischen Toten in die Türkei überführt. Marianne
Lange |