Die Medizinfrau aus Deutschland

Wir kennen sie aus Indianerfilmen: buntbemalte Männer, die Kranke heilen, indem sie in wilden Tänzen Geister austreiben. Solche Medizinmänner und -frauen gibt es noch heute in Stammeskulturen in Asien, Lateinamerika und Afrika. Mittlerweile reicht der Zauber der sogenannten Schamanen bis in die westliche Welt. Wissenschaftler wollen ihre Heilkraft ergründen, Akademien laden ein zu "Workshops" über "Ethnomedizin". Auch hierzulande suchen Menschen ihr Heil in der Geisterbeschwörung. Uta Kruse ist einer Schamanin aus Deutschland begegnet.

 Erst nach Tagen schaffe ich es per Fax, mich mit Amélie Schenk zu verabreden. Ihr Telefon war gerade kaputt gegangen. Auf dem Weg zum Interview verpasse ich knapp den Anschlusszug. Den nächsten kann ich nicht abwarten. Amélie Schenk wollte mich am Bahnhof abholen. Ich nehme ein Taxi. Auf der Landstrasse wird die Taxifahrerin bei Tempo 150 geblitzt. Ich hetze in den Bahnhof von Konstanz. An Gleis 3, an dem ich hätte ankommen sollen, treffe ich nur zwei Männer.

Was hätte Amélie Schenk in so einem Moment getan? Einen Löwenzahnsud gekocht und damit den Fahrplan bespritzt? Ein Pferd geopfert oder die Ahnen angerufen? Hätte sie kehrt gemacht, weil jedes der Missgeschicke ein Zeichen der Geister war, dass wir uns nicht treffen sollten?

 Amélie Schenk ist Schamanin. Eine Art weiblicher Medizinmann. Die Frage nach dem Lehrauftrag der promovierten Ethnologin an der Universität Konstanz fuchtelt sie weg wie den Qualm einer Zigarette. "Das ist nicht bedeutsam." Bedeutsam sind ihre Besuche bei grossen Schamanen in aller Welt. Immer wieder reist sie mongolischen Nomadenstämmen hinterher und sucht die Nähe jener Menschen, die in ihrem Volk als Geisterbeschwörer und Wunderheiler verehrt werden. Sie selbst hat sich dabei "angesteckt". So nennt sie es. Was Dr. Amélie Schenk auf ihren Reisen widerfuhr, konnte sie nicht von außen betrachten und sezieren, wie es die Wissenschaft fordert. Das Gefühl, selbst schamanische Fähigkeiten zu haben, wuchs für sie zur Gewissheit heran. Als sie im Sommer in einem Ferienhaus am Bodensee saß, stürmte plötzlich ein Hund durch alle Räume und wieder hinaus. Für Amélie Schenk war der Streuner ein böser Geist. "Da habe ich ausgespuckt."

 Getroffen haben wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz, als ich gerade die Heimreise antreten wollte. Es war Zufall - in meinen Augen. Es war Bestimmung - aus ihrer Sicht.

In der Velourteppich-Ruhe eines Hotelrestaurants wählen wir den Tisch mit Seeblick. In ihrem Beutel klingelt ein Handy. "Nein, jetzt nicht..." Das Handy bekommt Hausarrest. Ihr Blick fällt auf den See hinaus. Allen Schamanen sei gemeinsam, sagt sie, dass sie sich von einem Moment auf den anderen in Trance versetzen könnten. Die Grenzen des eigenen Körpers würden sich auflösen, die Zeit verschwinden. "Alles ist daunenweich", flüstert Amélie Schenk plötzlich, "so wie ich hier sitze, kann ich dort hinten den Stoff der Gardine fühlen. Ich kann auf den See hinausreichen und das Wasser berühren." In diesem Zustand sei es Schamanen möglich, ihr Gegenüber und seine Krankheiten und Probleme genau zu spüren.

Amélie Schenk ist aus der Kirche ausgetreten. "Dass es nur einen Gott geben soll, ist ein Prinzip, das dem Schamanentum entgegengesetzt ist." Sie zeigt wieder auf den See, der im Regendunst zwischen den Vorhangschals liegt. "Alles ist belebt: Das Wasser, mein Hund, jeder Tannenbaum hat eine Seele." Und ihre verstorbene Großmutter nennt sie ihren "Schutzgeist". Das Sprechen mit den Toten, erklärt sie, gebe es ja auch in den christlichen Kirchen. An Tagen wie Allerseelen und Allerheiligen passiere Ähnliches. "Aber wir haben in unserer Gesellschaft nur noch Überreste solcher Rituale." Sie nimmt die Kämme aus den langen schwarzen Haaren, durch die sich das Grau wie ein Lurexfaden zieht. Eine Literaturliste soll ich noch einstecken, da ist sie wieder ganz Wissenschaftlerin, korrigiert hier eine Anmerkung, ergänzt dort eine Zahl. Am Bahnhof springe ich an der Ampel aus ihrem Auto. "Die Geister kommen zu uns, weil wir es für möglich halten," hat einer ihrer Freunde aus der Mongolei gesagt. Die Ampel wird grün. Der verbeulte Golf mit der Schamanin aus Deutschland verschwindet hinter der nächsten Ecke.

Uta Kruse / Fotos: Amélie Schenk

 

erschienen in echt, 4. Quartal 1999
Copyright by EKHN, Darmstadt
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