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Die Medizinfrau aus Deutschland Wir kennen sie aus Indianerfilmen: buntbemalte Männer, die Kranke heilen, indem sie in wilden Tänzen Geister austreiben. Solche Medizinmänner und -frauen gibt es noch heute in Stammeskulturen in Asien, Lateinamerika und Afrika. Mittlerweile reicht der Zauber der sogenannten Schamanen bis in die westliche Welt. Wissenschaftler wollen ihre Heilkraft ergründen, Akademien laden ein zu "Workshops" über "Ethnomedizin". Auch hierzulande suchen Menschen ihr Heil in der Geisterbeschwörung. Uta Kruse ist einer Schamanin aus Deutschland begegnet.
Was hätte Amélie Schenk in so einem Moment getan? Einen Löwenzahnsud gekocht und damit den Fahrplan bespritzt? Ein Pferd geopfert oder die Ahnen angerufen? Hätte sie kehrt gemacht, weil jedes der Missgeschicke ein Zeichen der Geister war, dass wir uns nicht treffen sollten?
In der Velourteppich-Ruhe eines Hotelrestaurants wählen wir den Tisch mit Seeblick. In ihrem Beutel klingelt ein Handy. "Nein, jetzt nicht..." Das Handy bekommt Hausarrest. Ihr Blick fällt auf den See hinaus. Allen Schamanen sei gemeinsam, sagt sie, dass sie sich von einem Moment auf den anderen in Trance versetzen könnten. Die Grenzen des eigenen Körpers würden sich auflösen, die Zeit verschwinden. "Alles ist daunenweich", flüstert Amélie Schenk plötzlich, "so wie ich hier sitze, kann ich dort hinten den Stoff der Gardine fühlen. Ich kann auf den See hinausreichen und das Wasser berühren." In diesem Zustand sei es Schamanen möglich, ihr Gegenüber und seine Krankheiten und Probleme genau zu spüren. Amélie Schenk ist aus der Kirche ausgetreten. "Dass es nur einen Gott geben soll, ist ein Prinzip, das dem Schamanentum entgegengesetzt ist." Sie zeigt wieder auf den See, der im Regendunst zwischen den Vorhangschals liegt. "Alles ist belebt: Das Wasser, mein Hund, jeder Tannenbaum hat eine Seele." Und ihre verstorbene Großmutter nennt sie ihren "Schutzgeist". Das Sprechen mit den Toten, erklärt sie, gebe es ja auch in den christlichen Kirchen. An Tagen wie Allerseelen und Allerheiligen passiere Ähnliches. "Aber wir haben in unserer Gesellschaft nur noch Überreste solcher Rituale." Sie nimmt die Kämme aus den langen schwarzen Haaren, durch die sich das Grau wie ein Lurexfaden zieht. Eine Literaturliste soll ich noch einstecken, da ist sie wieder ganz Wissenschaftlerin, korrigiert hier eine Anmerkung, ergänzt dort eine Zahl. Am Bahnhof springe ich an der Ampel aus ihrem Auto. "Die Geister kommen zu uns, weil wir es für möglich halten," hat einer ihrer Freunde aus der Mongolei gesagt. Die Ampel wird grün. Der verbeulte Golf mit der Schamanin aus Deutschland verschwindet hinter der nächsten Ecke. Uta Kruse / Fotos: Amélie Schenk
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erschienen in echt, 4. Quartal 1999 Copyright by EKHN, Darmstadt |