"Wir müssen Hoffnung haben"

Dietmar Schönherr, österreichischer Schauspieler, Fernsehmoderator und Autor, wurde 1926 als Sohn eines Generals in Insbruck geboren. Heute lebt er mit seiner Frau Vivi Bach in der Schweiz.

 Unter anderem wurde er bekannt als "Commander McLane" im Raumschiff Orion und als Moderator der Sendung "Wünsch Dir was", die er zusammen mit seiner Frau gestaltete, etablierte er mit großem Erfolg die erste Talkshow im Deutschen Fernsehen - "Je später der Abend". Anfang der 80er Jahre wandte er sich scharf gegen die Nato-Nachrüstung. Seit 1985 engagiert er sich mit verschiedenen Hilfsprojekten in Nicaragua und gründete dazu die Initiative "Pan y Arte" (Brot und Kunst).

Sie haben immer wieder Neues angestoßen, etwas bewegt. Ist das Ihr Lebesmotto?

Was das Fernsehen betrifft, konnte ich doch höchstens Dinge anstoßen. Nach "Wünsch Dir was" war es mein Wunsch, Talkshows zu machen. Was daraus geworden ist, wissen wir alle. Heute würde ich es lieber nie angefangen haben. Etwas, wo die Leute ins Messer laufen, würde ich nie mitmachen. Das hat zu meiner Entlassung geführt, weil man sagte, ich sei nicht aggressiv genug.

 Und Ihr politisches Engagement...?

Als Angehöriger der Kriegsgeneration berühren mich politische Entwicklungen stark. Ich bin Bürger eines Landes, das seine Vergangenheit nie verarbeitet hat. Der Haider geht heute in die Bierzelte und streut primitivste Haßparolen aus: Daß die Neger unsere Frauen vergewaltigen und noch viel Krasseres, geht dann aber ins Parlament, stylt sich als Politiker und tut so als hätte er das nie gesagt. Daß so einer wählbar ist, ist tragisch und furchtbar. Doch auf mich hören die Leute da nicht. Ich bin für sie ein Auslands-Österreicher, ein Fremder.

Wie beurteilen Sie den heutigen Trend, sich zunehmend ins Private zurückzuziehen und sich immer weniger für die Gemeinschaft zu interessieren?

Ich sehe das mit äußerster Skepsis. Vor kurzem war ich auf so einer Jungbürger-Veranstaltung, mit der 18jährige in die Gemeinschaft aufgenommen werden sollen. Ich habe noch nie so angepaßte junge Leute gesehen, die sahen alle aus wie junge Banker. Der Referent des Bürgermeisters sagte: Bloß nichts Politisches und keine Provokationen. Da habe ich zu ihm gesagt: Wozu bin ich dann hierher gekommen? Es gibt zu wenig Leitfiguren in der Politik wie Willy Brandt eine war. Die sind ganz wichtig, um die Leute zu aktivieren.

 Wo liegen die Wurzeln Ihres Engagements?

Das kommt zunächst aus dem Elternhaus, aus einer sehr bürgerlich-christlichen Erziehung. Ich bin ein Kind dieser Generation, die von allen Seiten mit Propaganda behakt worden ist - in der Schule, im Jungvolk, beim Militär. Ich habe gesehen, wie mein Vater, der ein sehr milder und überhaupt nicht militaristischer Mensch war, nach dem Krieg an der Tatsache zerbrochen war, dass er sein Leben vergeudet hatte.

  Und diese Erfahrung hat Sie animiert, in die Politik zu gehen?

Ich habe Wahlkampf mit Bruno Kreisky (1) gemacht und gemerkt, daß alleine das Wort Sozialismus für die Leute so etwas wie fünfte Kolonne Moskaus war. Das hat mich sehr politisiert. Später führte mein Weg in die Friedensbewegung, wo ich mich gegen Mutlangen engagierte und ein Protestfasten gegen die Stationierung von Atomraketen begann. Das war alles noch sehr naiv, hat die Leute aber doch erschreckt.

  Wie kam es dazu, daß Sie sich ausgerechnet in Nicaragua engagiert haben?

Ich wollte etwas machen, was andere nicht so einfach tun. Über die sandinistische Revolution (2) wußte ich nicht viel mehr als jeder Zeitungsleser. Aber es hat mich sehr beeindruckt, wie ein Volk barfüßig einen Diktator zum Teufel jagt. Dann lernte ich 1982 Ernesto Cardenal (3) kennen. Mir imponierte, daß ein Priester und Dichter und noch dazu ein Trapist (4), der eigentlich zum Schweigen verpflichtet ist, ein Kulturminister sein kann.

Haben Sie danach sofort begonnen, in Nicaragua etwas aufzubauen?

Nicht sofort, ich wollte nicht einfach so nach Nicaragua fahren, wie das andere Prominente taten. Ich wollte es wirklich kennenlernen und begab mich mit einem Filmemacher auf eine ausgiebige Reise. Ich kam dort in das Dorf La Posolera und merkte die Bereitschaft der Leute, mit uns zusammenzuarbeiten. Das war der Startschuß. Es war Ernesto Cardenal, der mich zu einem Kulturprojekt ermunterte, wo ich doch immer dachte, die Leute müssen erst einmal Land haben und etwas zu Essen. Aber er hat Recht behalten, denn es hat sich als etwas Bleibendes erwiesen.

Wie sieht dieses Projekt genau aus?

Es ist eine Musik- und Kunstschule, wo wirklich arme Leute Unterricht bekommen. Oft kommt das siebte oder achte Kind einer Familie zu uns. Für die Familie ist das nur noch ein Fresser mehr, da ist keine Zärtlichkeit oder Liebe. Wenn die Kinder dann malen oder musizieren, empfangen sie plötzlich Lob und Zärtlichkeit. Sie öffnen sich und werden Menschen, die am Leben teilnehmen.

 Sie haben einmal gesagt, dass ein Gottesdienst Sie in Ihrem Engagement bestärkt hat?

Ja. Ich begegnete in Nicaragua einem Franziskanerpater aus Brasilien, der das Letzte mit den Leuten teilte. Der zog sich eine Soutane über, obwohl es in Strömen goß und feierte unter freiem Himmel einen Gottesdienst auf so einfache Weise, wie es hier gar nicht denkbar wäre. Er fragte die Gemeinde: Sollen wir jetzt alles aufgeben, weil dieser Krieg da ist, oder sollen wir Hoffnung haben? Da stand eine Frau auf und sagte: Wir müssen Hoffnung haben. Nach der Messe hat er seine vollkommen durchnäßte Soutane ausgewrungen. Ein ähnlich tolles Erlebnis hatte ich nach dem Angriff der Contras auf La Posolera, bei dem über dreißig Leute getötet wurden. Der Pfarrer sagte: Es ist wichtig, daß wir an die Gefallenen denken, aber heute taufen wir fünf Kinder. Er tat das dann aus einem Eimer.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Ziehen Sie sich nun allmählich zurück?

Nein, ich mache meine Arbeit in Nicaragua weiter. Wir haben jetzt ein Hilfsprojekt gemeinsam mit der Stadt Granada begonnen, wo 1998 Stadtteile nach dem Hurrikan "Mitch" total überschwemmt waren und 8000 Menschen evakuiert werden mußten. Wir haben ein großes Gelände gekauft für 250 Familien, die sich bereit erklärt haben, umgesiedelt zu werden. Unter unserer Anleitung werden sie dort ihre Häuser selbst bauen, und es entsteht ein richtiges Dorf mit über 2000 Leuten. Ein riesiges Projekt, für das sich inzwischen viele Länder als Partner angeboten haben.

Welche Rolle spielt eigentlich Ihre Frau Vivi Bach bei Ihrem Engagement und in Ihrem Leben?

Eine ganz wichtige. Sie ist eine ganz liebe Person, die mich nie behindert hat und nie gesagt hat: Komm, laß das bleiben - wissend, daß das viel Zeit und Geld kostet und viel Trennung bedeutet. Im Moment kommt sie total zu kurz. Sie leidet darunter und sagt: Ich bin ja gern mal allein, aber ungern einsam. Im nächsten Jahr werde ich mich sehr um unser Privatleben kümmern. Ich habe ihr das versprochen und das werde ich auch halten.

J. Rainer Didszuweit / Jörn Dietze
Fotos: Heike Rost


Anmerkungen:

 Bruno Kreisky war als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs von 1970 - 1982 Bundeskanzler in Österreich.
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 Die linke Sandinistische Nationale Befreiungsbewegung stürzte 1979 in Nicaragua den Präsidenten A. Somoza Debayle
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 Ernesto Cardenal, nicaraguanischer Lyriker und kath. Priester, erhielt 1980 den Friedenspreis des Dt. Buchhandels.
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 Trapisten gehören zu den Zisterziensern und leben eigentlich in strengster Askese und absolutem Stillschweigen.
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Kontakt und Informationen:

Pan y Arte e.V.
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97990 Weikersheim
Tel.: 07934 / 280
Fax: 07934 /8526
eMail:
panyarte@muenster.net

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Pan y Arte e.V.

ist der "europäische Botschafter" der CASA DE LOS TRES MUNDOS. An seinem Sitz in Weikersheim hat Pan y Arte freundliche Aufnahme bei der Jeunesses Musicales Deutschland gefunden. Den Vorsitz hat Dietmar Schönherr.
Pan y Arte e.V. koordiniert die Unterstützung für die Projekte von Dietmar Schönherr in Nicaragua von europäischer Seite, vorwiegend aus Deutschland, Österreich der Schweiz und von der Europäischen Union.
Pan y Arte ist Ansprechpartner für Künstler und Gastdozenten in Europa.
Es besteht die Möglichkeit, die Projekte über eine Fördermitgliedschaft regelmäßig zu unterstützen.

 


erschienen in echt, 4. Quartal 1999
Copyright by EKHN, Darmstadt
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