echt - Das Magazin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

Archiv Heft 2 / 1999

Wie Technik unsere Welt verändert.
     Eine Streitschrift für den guten Gärtner

  Das Kreuz unserer Tage ist das Fadenkreuz. Es flimmert über die Bildschirme - bis zur Detonation. Es flimmert über Gebäuden, über Fahrzeugen, Technik. Menschen gibt es später erst zu sehen - als Flüchtlinge, als Tote. Die moderne Welt bekommt nicht alles gleichzeitig auf den Schirm. Fortführung der Politik mit technischen Mitteln. Diesmal im Kosovo.

Mensch und Technik. Das ist eine kriegerische Beziehung - von Anfang an. Eine Beziehung, die immer schon Opfer forderte. Neben den lokalen und zeitlich begrenzten Kriegen, die die Menschen in einzelnen Regionen der Erde treffen und ihre Umwelt für kurze Zeit unbewohnbar machen, führen wir einen Krieg immer und weltweit - den Krieg gegen die Natur selbst.

"Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan ... " So sprach der biblische Gott. Nach "Sintflut" und Vernichtung schwang böse Ahnung mit, als er Noahs Familie aufs Trockene setzte: "Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden ... ." Das Säugetier Mensch eingeschlossen.

Über sechs Millionen Jahre Entwicklung brauchten wir - seit der evolutionären Trennung von unseren nächsten Verwandten, die heute Schimpansen sind - bis zum Homo sapiens des Industriezeitalters. Erst in allerletzter Zeit machten wir uns die Erde tatsächlich untertan.

 Den Moment der Machtübernahme markiert Francis Bacon. Der englische Philosoph begründet im 16. Jahrhundert die neuzeitliche Naturwissenschaft - und mit ihr unseren Anspruch: "Knowledge itself is power." Wissen ist Macht - über die Natur. Denn die ist noch immer der Hauptgegner der Menschen. Die sucht sie mit Katastrophen und Krankheiten heim, der ist das Überleben nur im täglichen Kampf abzuringen. Um Macht über Kreatur und Natur zu erlangen, fordert Sir Francis, sie zu "foltern und zum Zeugnis zu zwingen", ihr Gewalt anzutun, um ihr ihre Geheimnisse abzuringen.

 Das ist eine Kampfansage an die überkommene Auffassung, Eingriffe in die bis dahin als göttlich angesehene Natur seien nur maßvoll und ehrfürchtig möglich. Der französische Aufklärer René Descartes, erklärt alles Natürliche zu toter Materie: "Animalia sunt automata." Die Tiere sind Automaten. Bis sie es heute wirklich geworden sind - Legeautomaten in Hennenkäfigen, Milchautomaten in Kuhställen, Fleischautomaten in Schweinekoben - vergehen Jahrhunderte. Zu Zeiten der Aufklärer ist die Natur noch übermächtig: sie bringt Hunger und Durst, Pest und Cholera, Lepra, Malaria, Tuberkulose. Sie reagiert auf das Zusammenleben größerer Menschengruppen mit Epidemien. Der Erreger der Pest wird erst 1894 entdeckt, das Penicillin 1928.

In der Frühzeit zählen die Menschengruppen nie mehr als 100 bis 120 Individuen an einem Ort. Mehr ernährt die Natur nicht. Um mehr zu werden, müssen die Menschen Technik zu Hilfe nehmen: handwerkliche zum Erzeugen und Lagern der Lebensmittel, kriegerische zur Verteidigung, kulturelle zur Organisation und Kommunikation. Immer neue Techniken sind nötig, um der Natur das Lebensnotwendige für wachsende Menschengesellschaften abzutrotzen.

 Noch Justus Freiherr von Liebig - der die Natur küchengerecht eindampft, indem er Rinder als "Liebigs Fleischextrakt" zu Brühwürfeln macht - ist Mitte des 19. Jahrhunderts überzeugt, daß Menschen niemals die Natur aus dem Gleichgewicht bringen können. Er kann sich nicht vorstellen, was nur 100 Jahre später Realität wird: die Kreisläufe der Natur trudeln, ihre Selbstreinigungskräfte erlahmen.

Technik gegen Technik. Die eine schafft ein Problem, die andere schafft es ab. So lieben wir das. Für jedes Problem wird eine technische Lösung erdacht. Das Ozonloch, das von Treibgasen und Flugzeugen ständig vergrößert wird, würden die Amerikaner gerne mit technisch hergestelltem Ozon füllen - per Flugzeug hinauf geflogen.

Die Menschen selbst sind zum Naturphänomen geworden - klimawirksam wie das Packeis. Sie sind "Furcht und Schrecken ... über allen Tieren auf Erden ...". Sie bestimmen Überleben und Tod. Und sie begreifen, daß sie zum ersten Mal ihre Zukunft selbst in der Hand haben. Die Menschen können die Natur so gestalten, daß sie selbst darin nicht mehr leben können.

  Wissen ist Macht. Wir haben die Natur ausgiebig gefoltert und ihr Geheimnisse entrissen. Dabei sind wir an die Grenzen unserer eigenen Natur gestoßen. Wir waren schneller als die Evolution. Unser Wissen ist so gewachsen, daß wir es längst nicht mehr bei uns behalten können. Das Gehirn des Menschen faßt sein Wissen nicht mehr. Wir haben es - ursprünglich aus militärischen Gründen - deshalb ausgelagert in externe Speicher, um es gemeinsam nutzen zu können. Wir haben die natürlichen Grenzen unseres Wachstums technisch überwunden. Die weitere Evolution des Menschen findet im Computer statt.

Wissen ist Ohnmacht. Wir wissen zwar, daß wir nachhaltig in die lebenserhaltenden Naturkreisläufe eingreifen. Wir wissen, daß wir dem Säugetier Mensch die biologischen Lebensgrundlagen entziehen. Wir können uns aber nicht mehr als dieses Säugetier denken. Wir haben uns von der Natur entfernt, aus ihr herausgenommen. Wir nennen sie Um-Welt und sehen uns als etwas Zweites, nicht mehr als Teil eines Ganzen. Technik ist uns zur zweiten Natur geworden. Ohne sie können wir nicht weiter leben. Die Evolution ist nicht umkehrbar. Ein Zurück zur alten Natur gibt es nicht.

Die erste Natur haben wir uns mit Hilfe der zweiten zum Garten gemacht. Nicht zum Garten Eden, sondern zu einem Nutzgarten, der Pflege braucht. Nur mit unserer Rolle in diesem Garten haben wir noch Probleme. Noch setzen wir unsere Technik ein wie im Krieg. Wir beuten aus, statt zu hegen. Wir rotten aus, statt zu pflegen. Und wissen längst, daß unsere Rolle die des Gärtners sein muß - des guten Gärtners, der mit seinen technischen Mitteln und seinem Wissen den Garten am Leben erhält - und damit sich selbst.

Florian Schwinn

 


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