echt - Das Magazin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

Archiv Heft 2 / 1999

Kultur mit Wurzeln

Die Leipzigerin Adriana Lubowa zog aus, eine Heimat zu suchen. Früher war sie eine mäßig erfolgreiche Liedermacherin in Berlin. Nach der Wende reiste sie im Westen umher, suchte dort, was sie in der DDR vermißt hatte: "eine Kultur mit Wurzeln". Sie fand sie nicht. 1991 ging sie nach Moskau. Und fuhr noch 800 Kilometer weiter in die Taiga.

 Man fährt eine Nacht mit der Eisenbahn, weil für kein Auto ein Durchkommen ist. Es gibt zwei Flüsse und eine Brücke, die nicht immer aufgebaut ist. Im Sommer muß man alles in ein Schlauchboot packen, im Winter nimmt man den Pferdeschlitten und die Skier. Fernab der Zivilisation, 3000 Kilometer entfernt von Berlin, genießt Adriana Lubowa heute das Glück eines einfachen Lebens. In dem 85-Seelen Dorf Lipowka, unter Bauern und Bäuerinnen - "die jüngste ist 65, dann geht es straff aufwärts bis 103" - hat die ostdeutsche Sängerin ihr Paradies gefunden.

"Jedes Haus steht da, als ob es dort geboren wäre." Holzhäuser, wie im russischen Märchen, mit Babuschkas, die mit winzigen Eimerchen zum Brunnen am Ende des Dorfes schlurfen. "Große Eimer können sie nicht mehr tragen, wollen aber auch nicht, daß man ihnen hilft." Und in solch einem Holzhäuschen, mit ausgetreten Holzstufen und Wellblechdach, wohnt die 38jährige jetzt wie Pippi Lang strumpf mit Wolfshund Wanja und dem altersschwachen Pferd Kolja - ohne fließend Wasser und Strom. Auto und Telefon gibt es nicht. "Als ob mich eine Zeitmaschine 1000 Jahre zurückgebeamt hätte."

Zu kaufen gibt es nichts. Käse und Milch macht Adriana Lubowa selbst, beim Melken der Kühe helfen ihr die Babuschkas, die sie auch sonst umsorgen. Ihren Künstlernamen Lubowa hat sie abgeleitet von Großmutter Luba, der Dorf-Ältesten, die stolz ist auf ihre "Enkelin".

Wenn Adriana Lubowa aus der Taiga, dem Zentrum ihres Lebens, in die Konzertsäle der Hauptstadt fährt, verwandelt sie sich in eine elegante russische Chanson-Sängerin. Die Moskauer Musikszene reagierte 1991 amüsiert auf die Leipzigerin mit den rötlich blondierten Haaren, die singend russische Lyrik radebrechte. Immerhin hatte sie sich an Gedichte von Marina Zwetajewa gewagt, "das war so, als wenn ein Russe Goethe vertont". Mit der Sprache ging es aufwärts. Inzwischen spricht sie auch privat nur noch mit rollendem "r". Die Lubowa mit ihrem schwarzen Spitzenkleid und dem rauchigen Timbre - einer Mischung aus Alexandra und Zarah Leander - wurde schnell zum Geheimtip. Die Moskowiter fingen an, sie zu lieben und kürten sie 1995 zur "Diva des Chansons". "Wenn du mit dem Herzen singst, das merken die Leute."

Adriana Lubowa vermißt nichts an ihrem abgeschiedenen Ort: weder Kühlschrank und Spülmaschine, noch Computer oder Telefon. Im Winter erlebt sie 40 Grad Kälte, im Sommer 45 Grad Hitze. Ein Team vom ZDF wäre fast erfroren, weil es sich verfahren hatte, als es einen Besuch machen wollte. Es gibt kein Schild, das den Weg in das Taiga-Dorf weist. Die Einheimischen finden über die zugefrorenen Flüsse nach Hause. Adriana Lubowa hat hier endlich ihren Ort gefunden.

Maicke Mackerodt

Zurück