echt Interview

Eva Briegel
„Die einfacheren Sachen sind oft die besseren...“



echt sprach mit Juli-Frontfrau Eva Briegel über bestechende Akkorde, abenteuerliche Ansprache und ein authentisches Leben.

 

Eva, du hast mit Juli beim Hamburger Live-Earth-Konzert für Klimaschutz gespielt. Was war eure Intention ?
In erster Linie wollten wir die Leute motivieren, sich eine Meinung zu bilden. Das Thema
Globalisierung und ihre Folgen wird insgesamt zu wenig beachtet. Vielen ist es peinlich zuzugeben, dass sie keine Ahnung haben, was das eigentlich bedeutet. Man hört, dass H&M irgendwie in China produziert. Und dann heißt es, die Polen kommen rüber und nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Keiner weiß, wie alles zusammenhängt, aber alle finden es gut, wenn ein T-Shirt nur fünf Euro kostet.

Ist das Leben insgesamt zu kompliziert geworden ?
Es klingt paradox, aber die Rückkehr zum Einfachen scheint vielen heute zu kompliziert zu sein. Anstatt zum Einzelhändler gehen die Leute lieber in Shopping-Center, die alle gleich aussehen. Wo sie wissen: Da steht dies und da jenes. Das ist Bequemlichkeit: reinfahren, parken und alles einkaufen.

Was setzt du dagegen ?
Die regionale Wirtschaft zu unterstützen. Auch Handwerker aus der Gegend zu beauftragen, so wie es eigentlich Jahrzehnte funktioniert hat: dass man den Bäcker, den Bauern und den Schlosser im Dorf hat. Da kann man auch heute viel tun, indem man nicht auf das Unternehmen zurückgreift, das am billigsten ist, sondern auf Leute, die man kennt und bei denen man sieht, wie sie das machen.

„Die Rückkehr zum Einfachen scheint vielen heute zu kompliziert zu sein.“

Man sollte also immer im Kleinen anfangen ?
Einerseits ja, ein riesiger Anteil kann aber nur von übergeordneter Stelle ins Rollen gebracht werden. Aus dieser Verantwortung darf man die Politiker nicht entlassen. Man muss sich gut überlegen, was man wählt, und sich vorher ausführlich darüber informieren, wer wirklich was vertritt. Nicht einfach so aus dem Gefühl heraus seine Stimme abgeben – oder am Ende
gar nicht...

Jugendstudien zeigen aber, dass junge Menschen sich eher wieder in den privaten Bereich zurückziehen. Eine Reaktion auf die komplexe Welt ?
Ich habe immer gedacht, dass mir die Welt komplexer erscheint, weil ich älter werde. Teenager gehen viel selbstverständlicher mit diesem ganzen Wust an Informationen um. Die filtern ganz anders. Ich merke aber auch, dass es einen Rückzug zu geben scheint. Dass unsere Musik, die ja sehr privatistisch ist, so einen Erfolg hat, hat sicher auch damit zu tun. Wir beschäftigen uns in unseren Texten ja hauptsächlich mit unserem Seelenleben.

Hat das auch mit der Sehnsucht nach verlässlichen Dingen zu tun ?Eva Briegel
Vieles ist heute sehr schnell, weil die Menschen das ja auch suchen – neue Leute kennenlernen, feiern und so weiter. Aber das scheint nicht ewig zu faszinieren, irgendwann im Leben sucht jeder etwas Festes. Und da kommt dann diese schöne Vorstellung von etwas ursprünglich Idyllischem dazu...

Kann man mit Gefühl heute mehr erreichen als mit Parolen ?
Wir bezwecken eigentlich nichts mit unseren Texten, freuen uns aber, wenn Menschen sagen: Ich habe über diesen Song nachgedacht. Ich finde nicht, dass Musik immer etwas Belehrendes oder Aufforderndes haben muss. Wir schreiben einfach für uns und ich finde, das reicht. Authentische Texte können Menschen mehr bewegen als Propaganda-Schlachtrufe.

Du hast in den Medien Aufmerksamkeit erregt, weil du dich für eine Tierschutzorganisation im Weißkohl-Top hast ablichten lassen ...
Ich bin Vegetarierin seit meinem 13. Lebensjahr. Erst war das eine Trotzreaktion, später ist es dann eine ethische Entscheidung geworden. Ich wollte einfach irgendetwas anders machen als meine Eltern. Als mein Bruder und mein Vater dann aus Witz so getan haben, als würden sie in eine „Rossbraterei“ gehen und Pferdewürschtel essen, hab ich angefangen zu heulen. Ich war Pferdemädchen. Mittlerweile bin ich dagegen, Tiere zu vermenschlichen. Trotzdem finde ich Massentierhaltung ungeheuer respektlos gegenüber Leben generell. So viel für mich unnötiger Schmerz.

Das Thema hat ja auch viel mit Globalisierung zu tun...
Die Vorstellung von unseren Großeltern, die im Krieg gelernt haben: „Fleisch ist wertvoll“, ist längst überholt. Heute gibt es ein Päckchen Kochschinken für 50 Cent und entsprechend wird der auch hergestellt. Schweine werden zum Schlachten nach Polen kutschiert und wieder zurück. Das ist etwas, was ich nicht unterstützen möchte. Ich esse aber auch kein Fleisch aus dem Bio-Laden, weil ich denke, nicht das Recht zu haben, Leben zu nehmen, wenn ich es gar nicht nötig habe.

In eurem Stück „Wir wollen nicht die Besten sein“ geht es darum, sich gegen immer höhere Ansprüche zur Wehr zu setzen...
Wenn man einmal beim Anspruchsrennen gestartet ist, geht das immer weiter, ohne absehbares Ziel. Ich kenne niemanden, der sagen würde: Endlich bin ich so reich und so schön und habe alle Dinge, die ich mir wünsche. Und selbst wenn das so wäre, kämen dann die Ängste: Was passiert, wenn man das wieder verliert – das Auto zu Schrott fährt, arbeitslos wird, in eine Krise gerät? Auf diese Weise steigen die Ansprüche ins Abenteuerliche.

Hast du einen Tipp, wie man aus dieser Spirale herauskommen kann ?
Sich immer wieder fragen: Was habe ich eigentlich gewollt und was macht mich wirklich glücklich? Man muss sich auch mal verweigern: dem permanenten Leistungsdruck oder Konsumzwang, dem Schönheits-, Jugend- und Schlankheitswahn. Das erfordert sehr viel Stärke, aber ich glaube, dass einen das auf Dauer zufriedener macht.

Also ab und zu „back to the Roots“ ?
Absolut. Unsere Musik ist ja eine Art Sinnbild dafür. Die ganze Band setzt auf Einfachheit. Zum Beispiel lassen wir manches ganz bewusst weg, weil die einfacheren Sachen oft die besseren sind. Der klassische Hit besticht immer noch durch Akkorde und muss auch auf einer Wandergitarre am Lagerfeuer funktionieren.

Ist das auch auf andere Dinge übertragbar ?

„Sich immer wieder fragen:
Was habe ich eigentlich gewollt
und was macht mich wirklich glücklich?“


Sicher. Ob man Angestellter, Arzt oder Pfarrer ist: Man ist in einer Konkurrenzsituation mit Kollegen und möchte vorne mitspielen. Da muss man dann überlegen: Macht es mich wirklich glücklich, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, nur um einen besseren Füller auf dem Schreibtisch liegen zu haben? Ich finde es sehr bezeichnend, dass die Leute in der westlichen Welt, wo der Lebensstandard viel höher ist, tendenziell unglücklicher sind. Da gibt es Studien, die das belegen.

Erwartest du in dieser Hinsicht von der Kirche etwas ?
Sie sollte nicht still bleiben, aber das ist sehr komplex: Kirche – das sind ja sämtliche Mitglieder und die sind äußerst unterschiedlich. Miteinander um Positionen kämpfen gehört daher dazu.

Welche Erfahrungen hast du selbst mit der Kirche gemacht ?
Ich war fast die gesamte Kindheit in der Jungschar, aber das hat nichts gebracht, weil es da viele leere Worthülsen gab: „Der Junge läuft durch den Regen und hat einen Schirm. Warum spannt er ihn denn nicht auf? Jesus ist wie dieser Schirm“ und so Sachen. Das war schon sehr konservativ. Ich finde es aber äußerst okay, wenn Kinder und Jugendliche in Gruppen erleben, wie man gut miteinander auskommen kann.

Sollte die Kirche moderner werden ?
Nicht grenzenlos. Wenn Pfarrer sich überlegen: „Wie kriege ich meine Kirche voll?“, kommen da manchmal ganz seltsam bemühte Sachen heraus. Ich halte das zwar nicht für verwerflich, aber für sinnlos. Wenn wir angefragt werden, ob wir auf einem christlichen Fest spielen, denke ich immer: Warum? Die Jugendlichen werden wahrscheinlich nicht sagen: Ich gehe jetzt in die Kirche, weil Juli da gespielt haben und das total steil war.

Was wünschst du dir stattdessen ?
Dass die Kirche sich ihrer Spiritualität bewusster wird. Die Lehre ist heute sehr unklar. Wird Gott angebetet oder geht es hauptsächlich darum, zusammen eine Menge Fun zu haben? In der Kirche muss man viele Sachen überdenken, aber nicht abschaffen, was man seit Jahrtausenden macht, sondern es für heute umdeuten. Ursprünglich hatten viele Dinge ja einen Sinn.

Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker
Eva Briegel
ist Sängerin der deutschen Rock- und Pop-Band Juli. Sie wuchs in Langgöns bei Gießen auf. Nachdem Juli 2004 mit ihrer Hitsingle „Perfekte Welle“ der Durchbruch gelang, erreichte bereits ihr erstes Album „Es ist Juli“ 5-mal Gold und 3-mal Platin. Die Band, die in diesem Jahr auch auf dem Live-Earth-Konzert für Klimaschutz spielte, wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem dem „European Border Breakers Award“ für das meistverkaufte deutsche Debütalbum im europäischen Ausland sowie dem „Bambi“ in der Kategorie Musik national.

Juli-Website

Hast du ein Beispiel ?

Die Taufe. Ich finde es schlimm zu sagen: Wenn ein Kind nicht getauft ist, dann kommt es in die Hölle. Aber die Feier so zu deuten, dass Gemeinde und Familie dem Kind ab jetzt helfen, seinen spirituellen Weg zu finden, halte ich für gut und sinnvoll. So etwas mit auf den Lebensweg zu bekommen ist etwas sehr Schönes.

Spiritualität ist dir offensichtlich wichtig ?
Die Suche nach ihr bringt einen sehr weit. Spiritualität holt mich aus dem Alltag raus und erinnert mich immer wieder daran, dass ich nicht der Nabel der Welt bin. Sie zeigt Menschen, dass es noch etwas anderes gibt als Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr, eine Ebene, auf der man nicht einfach nur so funktioniert. Etwas, was einem viel über sich selbst erklären kann. Und das ist eigentlich das Wichtige.

Interview: Jörn Dietze

 


erschienen in echt, 4. Quartal 2007
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