echt Glaube kompakt

Zerstörte
Träume

 

 

 

 

 

 

 

Die E-Mail war harsch im Ton. Sie hatte die gleiche Botschaft wie viele andere in jenen Tagen auch. Es sei ja wohl das Letzte, schrieb da jemand, dass in Hannover eine leibhaftige evangelische Bischöfin mit 1,6 Promille am Steuer ihres Autos erwischt worden sei. Jetzt reiche es: Damit habe nun endgültig die Evangelische Kirche bei ihm jede Glaubwürdigkeit verloren. Er werde aus der Kirche austreten. Mein Versuch einer Antwort scheiterte. Die auf der E-Mail angegebene Absenderadresse gab es nicht. Jemand wollte nur seinen Frust loswerden.

Wochenlang ging die Sache durch alle Medien, meist auf der ersten Seite und je nach Stimmungslage mit Bedauern oder Empörung, Frust oder Häme. Ein Glück für Bischöfin Margot Käßmann, dass sie nach wenigen Tagen von allen ihren Ämtern zurücktrat. Die öffentliche Aufgeregtheit von wildfremden Menschen wäre noch lange weiter auf sie herniedergegangen. Denn wer oben ist, im Staat, in der Kirche oder in der Wirtschaft, der steht unter verschärfter Beobachtung. Fehler sind nicht gestattet. Man hat einfach allezeit ein Vorbild zu sein. Das schafft zwar im normalen Leben auch niemand, aber über den Wolken gelten andere Maßstäbe, besonders wenn man von unten schaut.

Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt ist Pfarrer und Publizist und leitet die Öffent-lichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
Dahinter steht der uralte Glaube, wer es weit nach oben gebracht habe, der müsse etwas Besonderes sein. Zu allen Zeiten haben die Mächtigen diesem Glauben mit Inbrunst Nahrung gegeben. Gleich von den Göttern leiteten die Herrscher ihre Herkunft im Altertum ab und inszenierten gewaltige Weihehandlungen, wenn sie den Thron bestiegen. Noch vor 100 Jahren regierten in Deutschland Monarchen „von Gottes Gnaden“. Und noch vor Kurzem fühlte sich noch ein amerikanischer Präsident in seinen Kriegszügen direkt von Gott legitimiert.

Diese Zeiten sind zum Glück weitgehend vorbei. Aber die andere Seite des Problems ist geblieben: die uralte Sehnsucht, Menschen mögen unter uns sein, an denen man erkennen kann, dass es Höheres gibt als die ewige Leier von gut gedacht und schlecht gemacht, von Schuld und Versagen, von gebrochenen guten Vorsätzen, vom Missmut über das eigene Ungenügen. Menschen mögen unter uns sein, die jene Rolle spielen, die wir selber nicht ausfüllen können.

Wohin mit dem eigenen Frust?
Dafür hat die Psychologie schon vor langer Zeit das Bild von der Projektion gefunden: So wie ein Projektor ein Bild auf eine entfernte Fläche wirft, lieben wir Menschen es, unsere Hoffnungen, Träume, die unerfüllten Sehnsüchte und Ansprüche an das Leben, aber auch ihre Ängste und ihren Zorn auf andere Menschen zu richten. Wenigstens sie, die da oben, sollen einlösen, was wir nicht schaffen. Erst recht soll das für die gelten, die in der Kirche an der Spitze stehen. Und wenn bei denen dann doch etwas richtig schiefläuft, sind Enttäuschung und Zorn im Publikum gewaltig – als sei ein eigener Lebenstraum zerstört. Margot Käßmann hat das bitter erfahren.

Dabei haben jene, die sich da auch öffentlich so lautstark empörten, leider etwas übersehen: Das Menschenbild der Bibel und der Glaube der Christen stützen weder Größenwahn über den Wolken noch Projektionen aus der Froschperspektive. Denn vor Gott sind alle Menschen gleich viel wert.

Zwar gibt es verschiedene Aufgaben in einer Kirche und Menschen mit mehr und weniger Verantwortung. Aber es gibt nicht hoch und niedrig und vor allem nicht die Besseren oben und die weniger Guten weiter unten.

Wer oben ist, braucht Gebete
Deshalb werden in einem Gottesdienst zur Einführung kirchlicher Amtsträger alle anwesenden Christen ausdrücklich aufgefordert, für diesen Menschen in seiner neuen Aufgabe zu beten. Und wer ein Amt übernimmt, weiß, dass er oder sie solche Gebete bitter nötig hat. Der Apostel Paulus hat das für die Gemeinde in Korinth so auf den Punkt gebracht: „Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.“ Und nicht etwa über den Wolken.

Joachim Schmidt
Foto: Richard Menzel


 

erschienen in echt, 2. Quartal 2010
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