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echt Glaube
"Aufatmen können und leben ..."
Manchmal muss Christiane sich festhalten. Orientierung suchen. Wer bin ich?, fragt sie sich. Und sarkastisch fügt sie dann hinzu: Und wie viele? Christiane ist zugleich Tochter und Schwester. Und dann natürlich Enkelin ihrer zwei über alles verehrten Omas. Vor 20 Jahren wird sie Geliebte und selbst Mutter von zwei Kindern, allein erziehend. Kurz danach dann doch Ehefrau. 15 Jahre später stirbt ihr Mann, Christiane ist Witwe. Manchmal hält Christiane inne. Mutter, Schwester, Freundin, Witwe, Tochter und auch noch Lehrerin an der Grundschule, Mitglied im Kirchenchor. Und dann: eine attraktive Frau, der der Nachbar den Hof und schöne Augen macht. Wer bin ich? Alles zusammen – oder einmal die, ein andres Mal jene? Und das ist ja nur der eine Blickwinkel, der äußere. Was andere von einem Menschen erwarten, dass er etwa seine Rolle im Beruf erfüllt oder dass eine sich als wohl geratene Tochter benimmt und zugleich als Mutter Format zeigt, das ist das eine. Alles zugleich und nichts richtig Im Sommer 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?“ Am Ende seines Gedichts heißt es: „Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? … Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Bonhoeffer lässt die quälende Frage, wer er ist, ohne Antwort. Für ihn wird wichtiger, zu wem er gehört. Er gehört zu Gott. „Dein bin ich, o Gott!“ – Der Satz beendet dieses Fragen, wer ich bin. Er beendet auch das Leiden daran, dass ich ein irgendwie unvollständiges Leben führe, das nie komplett und perfekt ist. Das Leben, das ich führe, ist und bleibt so etwas wie ein Bruchstück.
Leben als Fragment „Leben als Fragment zu verstehen, heißt nicht, erniedrigt zu werden, auf die Unvollkommenheit festgelegt zu werden, also klein gemacht zu werden. … Verstehen wir unser Leben als Fragment, können wir aufatmen und leben.“ Henning Luther, Professor für Praktische Theologie in Marburg, hat das geschrieben, kurz bevor er mit 43 Jahren stirbt – „können wir aufatmen und leben“. Nicht wer den Tod vergisst, kann aufatmen, sondern wer sich von dem falschen Ideal befreien lässt, ein vollständiges Leben führen zu müssen, führen zu können Vom Recht, ein anderer zu werden Helwig Wegner-Nord
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erschienen
in echt, 2. Quartal 2010 Copyright by EKHN, Darmstadt |