echt akrobatisch

„Es ist gut so,

wie es ist“

Der Tod von Angehörigen oder Freunden fordert nicht nur auf, deren letztem Willen zu entsprechen und ihnen die Bestattung zu ermöglichen, die sie sich wünschten. Mit ihm stellt sich auch unausweichlich die Frage, welche Stätte der Trauer, des Erinnerns oder der Begegnung wir selbst benötigen.

"Für sie ist das Freiheit!" (Arno Jung, 61 Jahre)

Meine Frau wusste, dass sie sterben würde. Sie wollte in der Nordsee bestattet werden, vor der dänischen Insel Fanø, wo wir 30 Jahre lang unsere Ferien verbracht haben.

Ich habe unseren Bestatter hier im Ort gefragt, der hat den Kontakt zum Seebestatter bei Kiel gemacht und schnell war klar: Den Wunsch können wir ihr erfüllen.

Für sie – und für mich – ist das Freiheit. Ein Grab ist auf einen Meter mal zwei Meter begrenzt. Da kommt diese Kiste, die wir Sarg nennen, hinein und darüber wird Erde geschaufelt. Die Vorstellung, in dieser Enge zu liegen, empfinde ich als beklemmend. Man kriegt ja wahrscheinlich nichts davon mit. Wer weiß das schon.

Kurz bevor die Urne über Bord gehen sollte, schob sich eine graue Wolke vor die Sonne. Dann ging sie ins Meer. Und die Sonne brach wieder hervor und ließ Tausende und Abertausende von Sternchen auf dem Wasser glitzern. Alle haben aufgeatmet. Jetzt ist Mama frei. Sie kann schalten und walten wie sie will. Sie ist überall und nirgends.

Wir haben eine Urkunde bekommen, auf der genau vermerkt ist, wo die Urne ins Meer kam. Jetzt fahren wir zweimal im Jahr mit dem Schiff zu dieser Position, um einen Blumenstrauß hinzubringen. Auch das war mit meiner verstorbenen Frau so abgesprochen. Sie hat im Scherz gesagt: „Und dann kommt ihr mich besuchen und ich gucke, wie ihr euch verhalten habt.“ Wir würden auch so weiter nach Fanø fahren. Aber so fiebere ich jetzt jedes Mal richtig darauf hin.

Cornelia Gerlach

 

"Die Menschen lächeln sich zu" (Lilie Diehl, 57 Jahre)

Nein, einer der Menschen, der mir am nächsten war, hatte nie mit mir darüber geredet, wie sie beerdigt werden wollte. Obwohl sie eine engste Freundin war. Und dann, nach ihrem plötzlichen Tod, konfrontierte sie ihre beiden erwachsenen Kinder und mich in ihrem Testament mit der Bitte um eine anonyme Bestattung: Am schönsten fände sie es, ihre Asche verstreut zu wissen.

Es stand außer Frage, dass wir ihrem Wunsch nachkommen würden, aber gleichzeitig wurde uns immer klarer, dass wir auf einen konkreten Ort nicht verzichten wollten. Wir suchten einen Platz, an dem sie stets für uns gegenwärtig sein würde. Und so fanden wir den Friedwald und damit die beglückende Möglichkeit, beide Bedürfnisse zu einen.

Auf den ersten Blick erscheint dieser Wald als ganz normales Stückchen Natur. Aber sobald man die angelegten Pfade verlässt, sieht man auf der den Wegen abgewandten Seite, dass viele Bäume mit Nummern versehen sind – ein Zugeständnis an die, die ohne Hilfe „ihren“ Baum kaum finden würden. Die Menschen, die sich hier begegnen, lächeln sich zu. Ihre Trauer ist irgendwie anders als die, die ich auf Friedhöfen antreffe; gelöster, ja, manchmal fast heiter.

Dort finde ich meine Freundin. Ich lehne mich an den Baum mit der Nummer 590, unter dem ihre Asche einfach nur Teil der Natur ist. Kein Grabstein weist auf sie hin. Es gibt keine sorgfältig arrangierten Blumengebinde, nur drei Sätze auf einer kleinen Schiefertafel – für uns, die wir hierherkommen.

Ein Gefühl von Frieden überkommt mich. Ich atme tief durch, genieße es, mich zu besinnen, meine Gedanken schweifen zu lassen und innere Ruhe zu finden. Ich nehme die Einzelheiten der Natur hier viel intensiver wahr als sonst. Ein gutes, ein schönes Gefühl. Ich rede mit ihr: „Ich wünschte, du könntest sehen, welches Farbenspektrum die Sonne auf den Blättern deines Baumes entfaltet. Ich wünschte wirklich, du könntest das sehen.“ Und ich bin sicher, dass sie lächelt.

Wann immer ich diesen Ort verlasse, kehre ich gelassener und gestärkt in den Alltag zurück. Freiheit ist der Begriff, der mir durch den Sinn geht. Es ist gut so, wie es ist.

Lillie Diehl

„Geleitet werden im Abschied“

Sie wirken wie Überbleibsel aus uralten Zeiten, aber sie manchen einen guten Sinn: Bräuche, mit denen die Toten aus ihrem Haus ausgesegnet werden. Nachbarn, die das Grab ausheben und den Leichnam bestatten. Ein Protokoll der Beerdigung in einem hessischen Dorf.

Ellie ist tot. Ich sehe sie noch vor mir. Wie sie ihren Rollator schob. Irgendwie tapfer und demütig. Auf dem geteerten Feldweg versuchte, wieder Tritt im Leben zu fassen. Aber der Tumor war stärker. Sie verlor nach ihrer zweiten Chemotherapie. Ich mochte ihre manchmal karge Art. Ihre Ecken und Kanten vermittelten Vertrauen in eine unverstellte Frau.

Ich schaue durch die geöffnete Haustür auf den offenen Sarg. Kerzen spenden flackernd gedämpftes Licht. Hinter dem Sarg steht die Familie und auf den Gesichtszügen der Männer liegt die Härte krampfhaft unterdrückten Weinens. Ellie ist weg und dennoch greifbar präsent. Weich, friedlich und wächsern schön wirkt sie. Ob sie sich bewusst war, dass wir alle in ihr geöffnetes Haus, auf ihre trauernde Familie blicken würden? Sie war eigen. Ihr Haus stand nicht jedermann unbedingt offen.

Die Pfarrerin segnet sie und spricht den 121. Psalm: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. … Der Herr behütet deinen Eingang und Ausgang immerdar.“ Dann fährt das Beerdigungsunternehmen mit Ellie in die Dunkelheit davon.

Die Trauergemeinde steht im Halbkreis um die winzige, mit Blumengebinden und Kränzen geschmückte Friedhofskapelle. Eine kurze Predigt, Lieder. Unsere Gemeinschaft in der dörflichen, kirchlichen Stille bildet einen fast unwirklichen Gegensatz zum anonymen, hektischen Alltag. Der Blumenduft gibt dem nebligen Herbsttag einen Hauch von Leichtigkeit. Wir heben ihren Sarg. Eigenartig, einen toten Menschen zu tragen. Ich bin Ellie ganz nah. Ob sie diese Nähe wollte? Ob sie wusste, wie schwer die Last wiegt und wie ängstlich vorsichtig der Schritt gesetzt wird? „Du kannst ruhig sein“, sage ich ihr in Gedanken und habe eher fast das Gefühl, zu mir selbst zu sprechen. „Ich halte dich fest und auch das Seil, wenn wir dich herablassen. Du kannst dich auf mich verlassen. Und es wird voller Würde sein. Und ich spüre jetzt, wie gerne ich dich gefragt hätte, ob du das alles so wünschst. Und ob dir diese große Intimität recht wäre.“

Selbst in Schrecksekunden war ich noch nie so wach wie jetzt beim Herablassen des Sarges in das Grab. Das dicke Hanfseil brennt in der Handfläche, ich spüre, wie Ellie sich bewegt. Kleine Erdklumpen poltern auf den Sarg, bis er endlich auf dem Grund der Grube ruht. Einen Meter sechzig tief, zwei Meter lang. Einen halben Tag harte, nicht einfache Handarbeit hat sie vier Männer aus dem Dorf gekostet. Ich bin erleichtert, die Enden des Seils auf den Boden legen zu können.

So nah dem Tod und mitten in Schmerz und Trauer überkommt mich eine unbekannte, nahezu befremdliche Leichtigkeit, der ich mich überlasse. Wie nebenbei höre ich die Worte der Pfarrerin, singe im Geist die alten, bekannten Lieder mit. „So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich …“

Die Dorfkirche ist proppenvoll. So, wie eigentlich sonst nur an Weihnachten. Es wird fast augenscheinlich, dass die Menschen sich jetzt hier nicht nur versammeln, um noch einmal Ellies Lebensgeschichte zu hören. Von der harten Nachkriegszeit, der Sorge um Einkommen und Kinder, dem fordernden Bestellen der Felder und dem Glück des Einzugs in das selbst gebaute Haus. In der Kirche breitet sich eine seltene Atmosphäre aus. Es ist die Nähe und Stille, die entsteht, wenn Menschen sich der Endlichkeit ihres Lebens bewusst werden. Und einmal mehr klar wird, dass jeder allein aus dem Leben geht. Und sich fragt, wohin. Und vielleicht geleitet, getröstet werden will im Abschied.

Zum Kaffeetrinken im Dorfgemeinschaftshaus gehe ich nur kurz. Auf dem Weg nach Hause bin ich erleichtert. Es ist gut gegangen. Und ich bin Ellie dankbar. Damals wie jetzt. Ihr Tod hat mich bodenständiger gemacht und in gutem Sinn auf dem Gottesacker geerdet.

J. Rainer Didszuweit

 

erschienen in echt, 1. Quartal 2010
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