echt akrobatisch

Loslassen

und vertrauen

 

 

Keiner kennt sich so gut mit dem Loslassen und Festhalten aus wie die Artisten am fliegenden Trapez. Findet jedenfalls Stanislav Bogdanov, der vor kurzem die „Heros“ gegründet hat – eine wagemutige Truppe von Zirkuskünstlern. Und die sind gerade beim „Festival der besten Artisten“ in Kassel aufgetreten.

Mist! Stanislav fällt zum zweiten Mal ins Netz. Vorbeigegriffen. Der Artist ärgert sich sichtlich und macht dem Fänger ein Zeichen. Los. Noch einmal! Wir können es doch. Apropos Loslassen und Festhalten. Wer beim fliegenden Trapez die Schwerkraft überlisten will, muss vor allem eines beherrschen: die Kunst des richtigen Augenblicks. Nur eine Sekunde zu früh oder zu spät – und das Kunststück misslingt. So wie eben.

Der Dramatik der Nummer tut der zweifache Misserfolg übrigens keinen Abbruch. Das Publikum hält den Atem an. Und als sich beim dritten Versuch die Hände des Fängers sicher um die Arme von Stanislav schließen, geht ein begeisterter Aufschrei durch die Menge. Wow! Artistik an der Grenze menschlicher Möglichkeiten.

Auf das Timing kommt es an

Kein Wunder, dass es nur noch wenige Zirkuskünstler gibt, die sich auf das Flugtrapez einlassen. Es ist zu riskant. Zu aufwendig. Zu halsbrecherisch. Im wahrsten Sinne des Wortes. Salto mortale. Trotz Netz. Darum befand der Schriftsteller Franz Kafka schon 1922: „Bekanntlich ist diese hoch in den Kuppeln ausgeübte Kunst eine der schwierigsten.“ Schwierig, weil es eben auf das Timing ankommt. Der Flieger muss wissen, wann er sein Trapez loslässt, der Fänger muss passend zur Stelle sein und die schöne Kollegin am Startpunkt muss spüren, wann sie das Trapez für den „Rückflug“ wieder auf den Weg schickt. Feinabstimmung ist das Geheimnis.

Vertrauenssache Auffangen

Da stellt sich die Frage: Wie erkennt man den richtigen Augenblick? Stanislav lacht. „Nur durch ausdauerndes Training und viele Auftritte. Nur so kann das Vertrauen aufgebaut werden, das man braucht.“ Vertrauen? Ja, denn der Flieger muss sich voll und ganz darauf verlassen, dass sein Fänger ihn aus der Luft angelt. Mehr noch: Wenn der Flieger selbst zugreift, kann es sogar passieren, dass er dem Fänger die Handgelenke bricht. Sprich: Man soll loslassen und dann fest darauf vertrauen, dass man aufgefangen wird.

Nikolay Sokolov, der Fänger der „Heros“, dem die Zirkusschule in Moskau zu wenig Talent für eine Solonummer bescheinigte und der jetzt als Fänger die größte Verantwortung trägt, ist jedenfalls überzeugt, dass die Truppe ihre „Verfehlungen“ bald in den Griff bekommt. Ihn wurmt es auch, dass gerade so viel schiefgegangen ist.

Den Sprung wagen

Loslassen und fest vertrauen. Ein Sinnbild für das Leben? Irgendwie schon. Denn es wäre ja absurd, sein Trapez niemals zu verlassen, wie Franz Kafka sogar in einer Kurzgeschichte ausführt. Gleichnishaft erzählt er in „Erstes Leid“ von einem Trapezkünstler, der sein ganzes Leben auf einem Trapez verbringt. Ja, selbst wenn er ein neues Engagement bekommt, hockt er im Gepäcknetz des Zugs. Irgendwann wird dem Artisten jedoch klar, dass er ein zweites Trapez braucht, wenn er sich weiterentwickeln will. Dass er den Sprung wagen muss. Nur sein Agent fragt sich, ob der Artist dazu überhaupt in der Lage ist.

Stanislav und Nikolay haben gleich noch eine zweite Vorstellung. Und diesmal soll es besser laufen. Sie grinsen zum Abschied: „Es geht um die Kunst des richtigen Augenblicks. Und wenn man trainiert hat und vertraut, dann wird man auch aufgefangen.“ Klingt gut.

Fabian Voigt

 

 

 

 

 


 

Joachim Schmidt

 


 

erschienen in echt, 1. Quartal 2010
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