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echt Titel
Wohnverhältnisse
Schmatzend fraßen sich die großen Zähne der Baggerschaufel in die Wand. Dann verschwanden die noch verbliebenen Reste des ehemals schmucken Hauses in einer turmhohen Staubwolke. Ein Fensterrahmen rutschte den Schutthaufen hinunter. Der Baggerfahrer rückte vor und erfasste die im 60er-Jahre-Beige Neues auf der Brache Der Bagger riss die letzten Mauern des Hauses ein und verlud den Schutt in große Container. Nichts erinnerte mehr an die Menschen, die hier fast fünfzig Jahre lang gelebt hatten. Wir hatten einen Teil des Grundstücks gekauft, um ein Haus zu bauen. Dort wollten wir miteinander alt werden. Doch dazu musste abgeräumt werden. Die Leute waren längst ausgezogen, Haus und Grundstück schon vor Jahren an einen Immobilienmakler verkauft. Auf der Brache sollte Neues entstehen. Feste Grenzen gesucht So war es schon immer, von Anbeginn. Seit Jahrtausenden brachen die Nomaden ihre Zelte ab und zogen weiter, wenn die Herden das Land abgeweidet hatten. Aber eines Tages blieben sie auf ihrem Land, nahmen es in Besitz und fingen an, es zu bebauen. Inmitten ihrer Felder entstanden im Laufe der Zeit dauerhafte Häuser. Deren Mauern umschlossen die Gemeinschaft der Sippe und waren feste Grenzen zwischen dem Drinnen und Draußen, dem Mein und Dein, dem Wir und Ihr. Drinnen der Herd, das Licht, die Wärme, die Familie, Sicherheit vor Wind und Wetter und den Unbilden des Lebens. Draußen die Weite und die Fremde, Kälte und Dunkelheit, Unsicherheit und Unbehaglichkeit. Überlebensstrategie Das eigene Haus, das eigene Dach, die eigene Wohnung gelten als Inbegriff der Sicherheit. „My home is my castle“, sagen die Engländer: Mein Zuhause ist meine Burg. Fest, sicher, uneinnehmbar. Eine Art Lebensversicherung. So bauten die Großen und Mächtigen schon immer ihre gewaltigen Festungen, Burgen und Schlösser und hofften, so lange wie irgend möglich darin zu leben und zu überleben. Am besten natürlich ewig. Das war bekanntlich ein Irrtum. Liebhaber benötigt Nichts auf dieser Welt ist ewig. Die Häuser, die Wohnungen mögen stehen bleiben, Jahrzehnte, Jahrhunderte lang vielleicht. Dann zeigen auch sie Altersspuren. Die Burgen verfallen und die Häuser werden morsch. Wenn es gutgeht, baut der Staat oder irgendein Wohlhabender vielleicht eines Tages eine Burg wieder auf. Wenn Häuser erhaltenswert sind und sich ein Liebhaber findet, werden sie restauriert, die Fundamente gesichert, das Fachwerk neu gerichtet, die Lehmgefache akkurat verputzt, die Innenwände neu gestrichen. Das ist dann ein Glücksfall. Keiner hat sein Haus auf Dauer Bei Menschen gibt es keine Restaurierung. Wenn ihre Zeit vorbei ist, gehen sie für immer fort. Bestenfalls einige Erinnerungsstücke lassen sie für die nächsten Angehörigen zurück. Meist geht es ihnen wie jenem Haus, das vor unseren Augen abgerissen wurde, weil seine Zeit vorüber war. Wer einmal den Nachlass eines verstorbenen Angehörigen auflösen musste, kennt das. Die Schränke werden ausgeräumt, der Sperrmüll bestellt, der Mietvertrag gekündigt oder Haus und Grundstück verkauft. Nach einer Schamfrist bleibt so gut wie nichts von einem Menschenleben. Wohnen auf der Durchreise Das Leben geht brutal mit der Vergangenheit um. Das Heute zählt. So war es schon immer. Deshalb wird auch fast nichts von dem, was heute alltäglich ist, morgen noch da sein. Unsere Wohnungen stehen buchstäblich auf dem Schutt und den Gräbern früherer Generationen. Wir selbst sind Gäste auf der Durchreise, wohnen auf Zeit und machen uns gerne vor, wir seien Wohnungsbesitzer in Ewigkeit. Widerspruch Weihnachten Um die Jahreswende begehen Christen in aller Welt das Fest der Geburt Christi. Diese fand nach der biblischen Überlieferung fern der elterlichen Wohnung auf einer von der Besatzungsmacht erzwungenen Reise und unter unglaublichen Verhältnissen in einer als Stall genutzten Höhle statt. Erstaunlicherweise überlebte das Kind. Für das menschliche Denken in behaglichen Sicherheitskategorien ist Weihnachten eigentlich ein einziger großer Widerspruch. Als wohnliche Deko nicht geeignet Deshalb taugt das Kind in der Krippe in Wahrheit nicht als bloß gefühlige Dekoration für den Gabentisch am Heiligen Abend. Es sei denn, es erinnerte uns nachhaltig und mit Folgen für das eigene Portemonnaie an das elende Los von vielen Millionen gegenwärtig heimatloser Kinder in großen Teilen der Welt. Kein Zuhause für den Sohn Gottes Am Lebensanfang dieses Jesus von Nazareth gab es keine Wohnung. Während der entscheidenden Jahre seines Lebens war er unterwegs und immer nur irgendwo zu Gast, und am Ende standen Gefangenschaft und eine qualvolle öffentliche Hinrichtung. Jesus selbst wird das harte Wort zugeschrieben: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Deshalb haben nachdenkliche Menschen schon immer eine Verbindung von der Krippe von Bethlehem zum Kreuz auf Golgatha gezogen: kein Zuhause für den Begründer des christlichen Glaubens, weder am Anfang noch am Ende. Wohnverbot: der schnelle Tod Es ist eine unglaublich bittere Ironie dervGeschichte, dass in dem gleichen Landstrich Palästina sich heute zwei Bevölkerungsgruppen gegenseitig auf engstem Raum mit tiefer Erbitterung und Brutalität das Lebens- und Wohnrecht gegenseitig streitig machen. Die Abendnachrichten im Fernsehen können nicht wirklich transportieren, was hier täglich von der Führung beider Seiten an gegenseitigem Hass in die Waagschale geworfen wird: Die anderen sollen hier nicht wohnen Himmlisches Wohnrecht Die Sehnsucht nach einer sicheren Wohnung und die Angst vor dem Tod gehören zusammen. Dabei ist er doch unvermeidlich. Also nie und nirgendwo eine Chance auf endgültige Bleibe?
Joachim Schmidt
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erschienen
in echt, 4. Quartal 2009
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