|
echt intim
Entfern das Intimste. Weil es ihre letzte Bitte war, habe ich die Wohnung noch einmal aufgeschlossen. Im Flur herrschte eine Stille, die anders war als die Ruhe einer Wohnung, in die man nach dem Urlaub Kann ein Löffel trauern? Der kleinste der Holzlöffel, der einen Extraplatz an der Wand hatte, weil er ihr Lieblingskochlöffel war, In dem Kästchen, das mit blauem Samt ausgeschlagen war, lagen die sechs Eierlöffel aus Perlmutt, über Die Krümel ihres Lieblingsbrots, dem runden Marktlaib, das es nur samstags gab, waren eine Woche alt. Entfern das Intimste. Die Kosmetik im Badezimmer war nicht intim. Und die große Schreibtischunterlage In der Mitte das Lieblingsgedicht Sie konnte nicht rechnen. Das Blatt war übersät mit Zahlen. Um 60 plus 72 auszurechnen, musste sie die Die Bücher im Wohnzimmer hatten wir bei meinem letzten Besuch in einem Anfall von Ordnung umsortiert. Streng nach Alphabet: Goethe neben Grass, Kraus neben und Tucholsky Ich wusste, dass zwischen Traven und Tucholsky ihr Tagebuch Auf dem Couchtisch stand der Aschenbecher von ihrer Hochzeitsreise. In der Mitte lag ein krummer Stummel. Am Filter Lippenstift und der Abdruck ihrer Schneidezähne. Immer biss sie vor dem ersten Zug kräftig auf den Filter. Die Dinge wieder unter sich Ich ging noch einmal ins Badezimmer. Im teuersten Cremetopf gab es Abdrücke ihres rechten Zeigefingers. Entfern das Intimste. Ich verließ die Wohnung, schloss die Tür ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Jetzt waren die Dinge wieder unter sich. Was empfinden sie, wenn sie verlassen werden? Sie taten mir leid. Ich fuhr mit einem Tagebuch, ein paar Fotos, einem kleinen Kochlöffel, der obersten Seite der Schreibunterlage, sechs Eierlöffeln aus Perlmutt und einem halbvollen Cremetopf zurück in die Stadt, in der ich wohne. Im Zug wusste ich es ganz genau: In einer Wohnung, die verlassen wird, ist alles intim. Eine ganze Welt geht unter, wenn ein Mensch stirbt.
|
|
erschienen
in echt, 4. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt |