echt intim

 

 

 

 

Entfern das Intimste. Weil es ihre letzte Bitte war, habe ich die Wohnung noch einmal aufgeschlossen.

Im Flur herrschte eine Stille, die anders war als die Ruhe einer Wohnung, in die man nach dem Urlaub
zurückkommt. Das Schweigen war tief und endgültig. Die Dinge wussten Bescheid – sie warteten auf
niemanden mehr. Ich ging über den Flur. Meine Schritte waren zu laut – aber für was zu laut? Für die
Dinge, dachte ich, ich störe sie. Aber wobei?

Kann ein Löffel trauern?

Der kleinste der Holzlöffel, der einen Extraplatz an der Wand hatte, weil er ihr Lieblingskochlöffel war,
hatte eine Bedeutung, die ihm nicht zustand. „Spiel dich nicht auf“ sagte ich, „ich habe sie verloren.“
Er sah aus, als wolle er sagen: ich auch. Er hatte recht. Nie wieder wird sie mit ihm in Soßen rühren.
Entfern das Intimste. Ich steckte den kleinen Holzlöffel in die Tasche, ich bot ihm meine Hand und meine
Soßen an.

In dem Kästchen, das mit blauem Samt ausgeschlagen war, lagen die sechs Eierlöffel aus Perlmutt, über
deren Schönheit wir uns bei jedem Ei gefreut hatten. Es war ein Ritual, enthusiastisch auszurufen:
„Siehst du, wie schön sie sind?“ Sind Eierlöffel intim? Diese ja.

Die Krümel ihres Lieblingsbrots, dem runden Marktlaib, das es nur samstags gab, waren eine Woche alt.
In der Küche stieß die Vergangenheit auf eine Zukunft, die es nicht geben wird. Um den runden Tisch
herum werden die Freunde nicht mehr sitzen und mit ihr Coq au Vin essen. Niemand wird einkaufen,
was auf der Tafel steht: Ich nahm die Bilder von der Pinwand im Schlafzimmer. Geronnenes Glück aus
der Zeit, als ihr Mann noch lebte. Fotografierte Zärtlichkeit. Einmal und dann nie wieder hatte sie
gesagt: „Der war es und kein anderer.“

Entfern das Intimste. Die Kosmetik im Badezimmer war nicht intim. Und die große Schreibtischunterlage
neben dem Telefon mit ihrer nach links kippenden Schrift? Das oberste Blatt war voll: Markus anrufen.
Miriam anrufen. Christian Geburtstag. Flüchtige Skizzen von Gesichtern. Ein runder Kopf mit langen
Locken. Ein Mann mit Bart und Brille im Profil. Donnerstag: Gisbert in München, 12.39, Gleis 8. Ein
Rezept für Topfenpalatschinken.

In der Mitte das Lieblingsgedicht

Sie konnte nicht rechnen. Das Blatt war übersät mit Zahlen. Um 60 plus 72 auszurechnen, musste sie die
Zahlen untereinander schreiben. 84 minus neun rechnete sie wie ein Schulkind, das gelernt hatte, sich bei
der Nachbarzahl einen zu borgen. Und all das gruppierte sich um ihr Jandl-Lieblingsgedicht in der Mitte des Blocks: „Jetzt lege ich mich hin, weil ich schläfrig bin. Und tu, als ob ich schliefe, bis ich eingeschlafen bin.“ Entfern das Intimste. Ich riss das Blatt vom Block und steckte es ein.

Die Bücher im Wohnzimmer hatten wir bei meinem letzten Besuch in einem Anfall von Ordnung umsortiert. Streng nach Alphabet: Goethe neben Grass, Kraus neben und Tucholsky Ich wusste, dass zwischen Traven und Tucholsky ihr Tagebuch
steckte. Ich traue mich nicht, darin zu lesen.

Auf dem Couchtisch stand der Aschenbecher von ihrer Hochzeitsreise. In der Mitte lag ein krummer Stummel. Am Filter Lippenstift und der Abdruck ihrer Schneidezähne. Immer biss sie vor dem ersten Zug kräftig auf den Filter.

Die Dinge wieder unter sich Ich ging noch einmal ins Badezimmer. Im teuersten Cremetopf gab es Abdrücke ihres rechten Zeigefingers. Entfern das Intimste. Ich verließ die Wohnung, schloss die Tür ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Jetzt waren die Dinge wieder unter sich. Was empfinden sie, wenn sie verlassen werden? Sie taten mir leid.

Ich fuhr mit einem Tagebuch, ein paar Fotos, einem kleinen Kochlöffel, der obersten Seite der Schreibunterlage, sechs Eierlöffeln aus Perlmutt und einem halbvollen Cremetopf zurück in die Stadt, in der ich wohne.

Im Zug wusste ich es ganz genau: In einer Wohnung, die verlassen wird, ist alles intim. Eine ganze Welt geht unter, wenn ein Mensch stirbt.


Monika Held

 


 

erschienen in echt, 4. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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