echt Interview

Überzeugter Minimalist

echt sprach mit Götz Alsmann

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Götz Alsmann wurde 1957 im westfälischen Münster geboren. Der Multiinstrumentalist, Unterhaltungskünstler und Bandleader stand mit 14 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne und feiert heute große Erfolge mit deutscher Swing-Musik. Einem breiten Publikum wurde Alsmann auch als Moderator der beliebten Fernseh-Talkshow „Zimmer frei“ bekannt, die im Jahr 2000 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Zurzeit befindet sich Götz Alsmann mit seinem aktuellen Album „Engel oder Teufel“ auf einer großen Deutschlandtournee. Götz Alsmann

 

Herr Alsmann, was macht für Sie einen guten Gastgeber aus?

Herzlichkeit. Man muss dem Gastgeber Begeisterung anmerken. Dann ist es fast egal, wie es ansonsten in der Wohnung aussieht. Auch, ob es Essen gibt, ist zweitrangig. Wenn man das Gefühl hat, man stört, kommt dagegen nicht die rechte Stimmung auf.

Bei „Zimmer frei“ sind Sie mit Christine Westermann Gastgeber. Wie kam es, dass die Sendung zum Dauerbrenner geworden ist?

Wenn man heute darüber diskutiert, warum es Anfang der 70er-Jahre im Bundestag so spannend war, wird oft gesagt: Damals konnte man den Politikern noch beim Entstehen ihrer Gedanken zuschauen. So ähnlich ist es bei „Zimmer frei“. Wenn wir da sitzen und der Alkohol lockert langsam die Zunge. Oder ein Gast, der die Sendung nicht richtig kennt, sieht sich plötzlich in einer sehr privaten, manchmal intimen Situation mit uns. Da ist es oft verblüffend, was die für Sachen raushauen.

Und was fasziniert die Zuschauer dabei?

Dass es eine realitätsnahe Situation ist, aus dem Augenblick geboren, nur in begrenztem Maße vorbereitet. All dem liegt keine echte Strategie zugrunde, es passiert einfach so. Der Gast weiß nicht, was wir uns ausgedacht haben, wir können nur hoffen, dass er positiv reagiert, wissen aber auch im Detail nicht, wie er es tut. Dass Publikum zuschaut, wird dabei von uns oft völlig ausgeblendet.

Ihr Part ist ja unter anderem die Hausmusik. Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Musik hat mich angesprungen. Schon als kleines Kind. Obwohl ich aus einem Haushalt stamme, in dem niemand musizierte, wurde ich schon als Kleinkind durch eine intensive Dauerbeschallung geschleust. Es ist für mich eine natürliche Lebensäußerung, sich musikalisch zu betätigen.

Wo hören Sie heute privat Musik?

Es passiert sehr selten, dass ich einfach nur so eine Entspannungsmusik auflege. Wir haben uns zum Beispiel völlig abgewöhnt, zum Frühstück Musik zu hören. Ich suche mir zwar manchmal Platten aus, um sie während bestimmter Arbeiten zu hören, die nicht so wahnsinnig intellektuell anstrengen. Aber dann merke ich plötzlich, dass eine Stunde vergangen ist und ich doch nichts aufgelegt habe.

In vielen Wohnungen gibt es ja ein ständig dudelndes Küchenradio. Möchten Sie da mit Ihrer eigenen Musik landen …?

Natürlich, das ist doch großartig, wenn ein populärer Sender Schlager spielt und auch regelmäßig meine Sachen dabei sind. Wenn ich meine Musik im Radio höre, weiß ich: Es haben auch Millionen andere die Chance dazu. Das kann mich doch nur freuen.

Manche Musiker-Kollegen sehen das aber kritischer …

Da dürfen wir uns doch nichts vormachen: Der Erfolg der Beatles basierte auch nur darauf, dass man sie jeden Tag im Radio hören konnte. Und eben nicht nur in Chefbüros, sondern hauptsächlich in Küchen. Nirgends wird so viel Radio gehört wie in Küchen und auf Baustellen. Wer abends im Wohnzimmer Radio hört, hat sich dagegen bewusst gegen das Fernsehen entschieden. Da haben Sie dann ein Spezialitäten-Programm für ein Spezialisten-Publikum.

Aber Ihr Swing mit deutschen Texten unterscheidet sich doch auch von dem, was in der Regel so gespielt wird …

Als ich mich entschied, nur noch deutsch zu singen, gab es ja auch andere, die das taten – in der Popmusik oder im Bereich Chanson. Der Unterschied ist aber, dass viele, die ähnliche Lieder sangen, mit so einer künstlichen Schwere daherkamen. Die haben den Liedern einen Mantel umgehängt, der so nicht gemeint war, als der Stil in den 20er-, 30er-Jahren kreiert wurde. Wir haben diese Schwere bewusst rausgenommen – und das macht das Besondere aus.

Zurück zum Wohnen. Wie muss eine Wohnung eingerichtet sein, in der Sie sich wohlfühlen?

Ich bin eigentlich ein überzeugter Minimalist, der aber aufgrund seiner leidenschaftlichen Sammlertätigkeit dann doch zwischendurch immer wieder den Maximalismus mit der Müllkippe rausbringen muss.

Das heißt, Sie werfen Dinge einfach weg …?

Ich habe mich erst unheimlich schwer damit getan, Bücher und Schallplatten wegzuwerfen. Man rennt mit diesen ganzen Kisten zur Gefängnisbücherei und zum Krankenhaussender und erntet dort auch nur sehr verhaltenen Jubel, weil auf die Idee Tausend Leute pro Woche kommen. Ich habe vor einiger Zeit mein Archiv richtig entrümpelt und bei einem Containerdienst einen Ein-Kubikmeter- Container bestellt. Der hat mir dann 3,8 Kubikmeter hingestellt und es passte trotzdem alles gar nicht rein. Man muss den Mut haben, Dinge wegzuwerfen. Danach geht es einem besser.

Was sagt die Wohnung Ihrer Erfahrung nach über einen Menschen aus?

Unabhängig von der geschmacklichen Orientierung kann man einer Wohnung ansehen, inwieweit der Bewohner über sein Umfeld nachgedacht hat. Ähnlich wie Kleidung kann eine Wohnung auch große Gleichgültigkeit widerspiegeln. Sich selbst ernst zu nehmen und das Selbstwertgefühl drückt sich in Kleidung genauso aus wie in der Wohnung.

Was gehört für Sie unbedingt dazu, damit Sie sich zu Hause fühlen?

Sauberkeit – da bin ich kompromisslos. Und natürlich etwas Persönliches. Wenn zum Beispiel in einem Hotelzimmer so ein Zettel liegt: „Olga hat Ihr Zimmer gemacht“, legt man gerne mal ein paar Euro hin. Ich bin als Gast für jede Schmeichelei zu haben. Und dann gibt es da noch bestimmte Rituale: zwei, drei Handgriffe, mit denen man etwas herstellt, das einem bekannt vorkommt.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt Leute, die auf Reisen aus dem Koffer leben. Ich dagegen pack immer komplett aus – auch wenn es nur eine Übernachtung ist. Wenn ich Anzüge im Koffer hab’, kann ich sie da nicht über Nacht drin liegen lassen. Dann bin ich schon mal dabei und pack gleich alles aus. Und auch der Koffer verschwindet zusammen mit der klappbaren Kofferablage im Schrank. Ich will nichts rumstehen haben, denn das ist mein Zuhause für zwei Tage. Ich stell mir ja auch kein Dixi-Klo in die Wohnung.

Sie haben mal gesagt, Sie haben eine Ader für Idyllen …?

Ja, aber wie ein guter Songtext muss auch eine Idylle irgendwo einen Bruch haben. So einen Bruch zu inszenieren, das ist für einen guten Innenarchitekten die hohe Schule. Wie die Prise Salz in der Süßspeise. Auch bei „Zimmer frei“ haben ja alle gesagt: Westermann und Alsmann, das passt nicht zusammen. Natürlich nicht, und das macht es ja aus.

Haben Sie mal in einer Wohngemeinschaft gelebt?

Nein, diese unnötige Rücksichtnahme auf andere hat mich immer abgeschreckt – auf andere Vorstellungen und Tausend Dinge. Kompromisse, die man eingehen muss und das nur dann gerne tut, wenn man eine besondere Beziehung zu der Person hat, mit der man zusammenlebt. Wenn Gevatter Zufall eine WG zusammenschmeißt, heißt das nicht, dass er sie auch zusammenschweißt. Ich habe sehr viele Freunde, die in WGs gewohnt haben. Die Erfahrungsberichte haben mir gereicht.

Was macht für Sie gutes Zusammenleben aus?

Verständnis und Verzicht an der richtigen Stelle. Ich glaube, dass ich Geduld habe und auch tolerant bin, merke aber auch, dass das Wort Toleranz heute vielfach falsch ausgelegt wird: Toleranz heißt ja, etwas anderes gelten zu lassen, und nicht, etwas anderes gut zu finden. Also bedeutet das auch: Wenn ich sage, eine Musik ist schrecklich, meine ich definitiv nicht, dass sie verboten werden muss.

Wenn in Ihrem Haus ein Zimmer frei werden würde, weil Ihr Sohn auszieht, wer dürfte da einziehen?

Ich glaube, die Einrichtung würde in Kunstharz eingegossen und für die Nachwelt konserviert (lacht). Nein, im Ernst – das wüsste ich wirklich nicht …

 

Interview: Jörn Dietze und Helen Knust

 


 

erschienen in echt, 4. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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