echt couragiert

Ein Schmusekissen für Indien

Wer sich für einen Ökumenischen Freiwilligendienst im Ausland entscheidet, muss mit einfachem Leben und wenig Privatsphäre rechnen. Sophie-Lotte Himmighofen und Matthias Kuhlmann lassen sich darauf ein.

Ihr Bett in Marburg hat Sophie-Lotte Himmighofen abgebaut, das Zimmer untervermietet. Die Theologiestudentin wird ein Jahr in Indien verbringen. „Mein Bett ist das Privateste“, sagt sie, „es ist die Konzentration von persönlichem Raum.“ Dass jemand Fremdes darin schlafen könnte – unvorstellbar. Für ihre Zeit in Melrosapuram ist das keine schlechte Einstellung. Ein Bett wird das Einzige sein, was ihr allein gehört. Es wird eine Matratze haben, anders als die nur einfach bespannten Gestelle der indischen College-Studentinnen, mit denen sie ihr Zimmer teilt. Mehr Luxus gibt es für die Europäerin nicht. „Ich werde dasselbe essen, dieselbe Dusche benutzen und dasselbe Klo“, sagt Sophie-Lotte. Auch wenn die Toilette
ein Loch im Boden ist mit einer Gießkanne zum Waschen, in der Dusche Frösche wohnen und das Essen drei Mal täglich aus Reis besteht. Extra scharf. Sophie-Lotte nimmt teil am Ökumenischen FreiwilligenProgramm des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS). Nach dem Abitur wollte sie gern gleich mit dem Studium anfangen, ein eigenes Zimmer in der WG einrichten, die neue Freiheit auskosten. „Vielleicht hatte ich es ein bisschen zu eilig. Irgendwie hat es mich in die Ferne gezogen“, sagt sie.

Europäische Maßstäbe passen nicht überall

Jetzt ist sie weder als Helferin unterwegs, noch soll sie missionieren. Die meisten Freiwilligen haben gerade ihr Abitur gemacht. „Die können noch keine beruflichen Erfahrungen weitergeben“, sagt Birgit Grobe-Slopianka, die als Koordinatorin beim EMS arbeitet. „Viele nehmen mehr mit, als sie jemals geben könnten.“ Das ist auch Sophie-Lotte bewusst. Sie wollte gern in ein Projekt mit Erwachsenen, am liebsten mit Frauen. Emanzipation und Gleichberechtigung sind ihr wichtig, viele theoretische Ansätze aber zu sehr auf weiße, westliche Frauen ausgerichtet. „Unsere europäischen Maßstäbe passen nicht überall“, sagt sie. Sie will den Alltag der indischen Frauen teilen, anstatt darüber zu reden. Ihre Aufgabe wird sein, mit den College-Frauen englisch zu sprechen und Grundlagen am Computer zu vermitteln. „Ich hoffe, Kenntnisse zu verbessern und zu helfen“, sagt sie.

Und weiß auch, dass es für die Partnerkirchen eher Aufwand ist, eine Freiwillige aufzunehmen, als unmittelbar davon zu profitieren. Sie wird wahrscheinlich am Anfang das Essen nicht vertragen, sich einen Infekt einfangen und Heimweh haben. Nach ihren Eltern und den drei Brüdern. Der gewohnten Umgebung, dem Duft von zu Hause in Gundernhausen. Und sie weiß auch schon, wann es am schlimmsten sein wird: Weihnachten, Ostern, Geburtstag. Im Koffer hat sie deshalb ein Fläschchen Parfum ihrer Mutter. Es riecht nach Geborgenheit. Und ein Kissen von ihrem Bett, ein Herz mit Armen.

Herausfinden, was man sich zumuten kann

Auch Matthias Kuhlmann wird ein Stück Zuhause einpacken, bevor er ins Flugzeug in den Libanon steigt. Sein Einsatzort ist
die Johann Ludwig Schneller Schule, in der christliche und muslimische Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen gemeinsam unterrichtet werden. Fotos, ein paar wichtige Briefe und Musik sollen ein wenig Heimat und sein vertrautes Idstein im Nahen Osten sicherstellen. Matthias hat fünf Jahre in einer Band gespielt. „Ich muss mich musikalisch austoben können“, sagt er, deshalb müssen Gitarre und Mikrofon mit. Und sein Notebook mit Boxen. Vielleicht kann er ein kleines Musikprojekt mit den Jugendlichen machen, dann hätte er etwas weitergegeben. Das Auslandsjahr ist für den 20-Jährigen gleichzeitig Zivildienst, Betriebspraktikum für die Fachhochschulreife und Zeit zum Ausloten. „Ich will herausfinden, was ich
mir zumuten kann“, sagt er. Für den Nahen Osten hat er sich wegen der Glaubenskonflikte in der Region entschieden. Das Bild aus den Medien reicht ihm nicht: „Ich will das vor Ort kennenlernen und erleben, wie die Menschen das dort sehen.“

„Zuhause ist der Ort, auf den man sich freut. Wo man sich geborgen fühlt, wo alles wie immer ist“, sagt Matthias. „Unterwegs zu sein wird diesen Wert steigern.“ In Idstein wird das Leben ohne ihn weitergehen. „Zurückzukommen ist sehr viel schwieriger, als wegzugehen“, sagt Birgit Grobe- Slopianka. Sie erinnert sich an eine Freiwillige, die nach einem Jahr einfachsten Lebens mit den übervollen Regalen im Supermarkt nichts mehr anfangen konnte. Sie war unfähig, sich etwas auszusuchen. Ein anderer hat nach seiner Rückkehr radikal sein Zimmer entrümpelt. Ein Jahr hatte er nur mit einem Bett, einem Schrank und einem Stuhl gelebt. Was er vorher nie aufgegeben hätte, brauchte er nun nicht mehr.

Gemeinschaft gegen Heimweh

Eine Tür zumachen, wenn einem alles zu viel wird. Für Sophie-Lotte ist das der Inbegriff von Zuhause. In einer Gemeinschaft zu sein und trotzdem allein sein zu können, ohne viele Worte zu machen. Sie wird sich künftig kaum zurückziehen können. In Indien sind sie zu dritt im Zimmer, im Wohnheim knapp 40. Ohne Telefon, manchmal mit Internet, die Post kommt unregelmäßig. Sophie-Lotte lässt sich darauf ein. „Gerade wenn man Heimweh hat, ist es vielleicht schön,
dass immer jemand da ist“, sagt sie. „Man schenkt sich Freude durch Anwesenheit.“

 

Helen Knust


 


 

erschienen in echt, 4. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt
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