Frau Pausewang, warum sind die sympathischen Helden bei Ihnen oft Außenseiter?
Ich war selber Außenseiterin. Meine Eltern haben sich in der Lebensreformbewegung der Siedler getroffen. Wir sechs Kinder sind alle konfessionslos groß geworden und waren für manche Leute im stockkatholischen Dorf eben die Heidenkinder. Die Bauern konnten zudem nicht verstehen, dass mein Vater, der Landwirtschaft studiert hatte, sich abmühte, mit Handarbeit seine zwei bis drei Hektar zu bebauen. Dann kommt dazu, dass wir vegetarisch aufgewachsen sind. Wir waren rätselhaft – Außenseiter
Kann man von Außenseitern etwas Besonderes lernen?
Sie müssen stark sein, um nicht erdrückt zu werden. Und sich ihre eigenen Gebiete suchen, aus denen sie dann genug Kraft schöpfen können, um diesem äußeren Widerstand zu widerstehen.
Wenn mich als Kind jemand fragte: Was willst du denn werden, wenn du groß bist?, antwortete ich immer: Geschichten-Erfinderin. Damals herrschte ja das ungeschriebene Gesetz: Kinder- und Jugendbücher müssen eine heile Welt darstellen. Die Guten werden belohnt, die Bösen werden bestraft. Ich wusste aber mit acht Jahren schon genau, dass die Welt nicht heil ist. Wir waren arm, wir mussten kämpfen um unsere Existenz und außerdem wusste ich, dass viele Leute, die nicht immer gut waren, nicht bestraft wurden und vieles nicht ausgeglichen wurde von der Gerechtigkeit her.
Kann man mit Büchern die Welt ein bisschen besser machen?
Das glaube ich ganz sicher. Zum Beispiel macht das ja auch Al Gore im Hinblick auf den Klimawandel – und hat bei sehr vielen Leuten ein Umdenken bewirkt. Man muss aber ununterbrochen seine Botschaften ausrufen, muss wie ein Prediger handeln, damit etwas hängen bleibt.
Was soll denn vor allem hängen bleiben?
Ein Bibelwort aus dem Lukasevangelium (Lk. 6,31), das alle Pflichten umschließt, lautet: Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch. Das schließt alles ein: Sich um den Nächsten kümmern, die Umwelt pflegen – und Kriege ablehnen.
Welche Funktion haben Horrorszenarien, außer dass sie Angst einjagen?
| |
echtinfo |
 |
Gudrun Pausewang wird im November von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur für ihr Lebenswerk geehrt. Die Schriftstellerin, die im oberhessischen Schlitz lebt, publizierte nahezu 90 Bücher. |
Ich beschreibe nur Horrorszenarien, die der Menschheit drohen, um vor dieser Gefahr zu warnen. Ich bin dagegen, dass man die Angst so verteufelt. Es kommt darauf an, wie man mit ihr umgeht. Wenn ein dunkles Gewitter heranzieht und die Mutter zu den Kindern sagt: Geht alle in die Betten und zieht euch die Decken über die Köpfe – dann wird die Angst nur noch größer. Wenn sie aber sagt: Wir müssen jetzt alle miteinander etwas tun, damit wir den Schaden klein halten: Du deckst mal ganz schnell das Fenster auf das Frühbeet, du machst alle Fenster zu und du ziehst die Stecker alle raus – da werden die Kinder weniger Angst haben. Gefahren bewusst machen und gegen sie aktiv werden, ist mein Anliegen.
Ist diese Kultur heute verloren gegangen? Es scheint, als herrsche Panik oder Schönfärberei ...
Wir leben ja zurzeit in einer Spaßgesellschaft. Die ist sehr stark abhängig vom Unterhaltungswert irgendeiner Sache. Das ist mir beim Golfkrieg so bewusst geworden. Am Anfang waren alle konzentriert auf diesen Krieg. Die Schüler gingen zu Zehntausenden auf die Straße. Und nach 14 Tagen hat sich kein Mensch mehr für dieses Thema interessiert. Da war der Unterhaltungswert dieses Krieges weg und der Gähn-Reflex setzte ein.
Glauben Sie, dass sich diese Entwicklung noch mehr verstärken wird?
Meine Hoffnung liegt eher darin, dass das Pendel des Zeitgeistes immer von einem Extrem zum anderen schwingt. Wir haben jetzt die Jugend, die sich amüsieren will. Wir sind also gerade auf der einen Seite, der des Egoismus: Hauptsache mir geht es gut, was kümmern mich meine Nachkommen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Pendel bei der nächsten, spätestens der übernächsten Generation in die andere Richtung schlägt.
Mit welcher Konsequenz?
Vielleicht fragt die Jugend: Wo seid ihr denn, ihr Eltern und Großeltern? Warum habt ihr es denn zu diesem Zustand kommen lassen? Warum habt ihr nichts dagegen getan? Sogar in dem revolutionsunbegabten Deutschland könnte dann eine starke Unruhe entstehen.
Was sollte die Kirche für die Zukunft tun?
Absolute Kriegsablehnung. Und sich gerade in den Gottesdiensten mehr dem heutigen Leben öffnen. Sonst bleibt die junge Generation außen vor. Man müsste auch Predigten mehr in der Jugendsprache halten, ohne dass die Zuhörer das Gefühl haben: Der will sich uns nur anbiedern.
Eltern wie Kinder sind heute oft orientierungslos. Wo kann man einen Hebel ansetzen und helfen?
Wichtig ist, dass Kinder gute Vorbilder haben. So gibt es hier in Schlitz eine Gruppe von Bürgern, die sich zusammengetan haben und immer wieder verkünden: Wer Hilfe braucht, der kann sich an uns wenden und wir werden versuchen zu helfen. Einige Tugenden sollten bei uns mehr gepflegt werden. Zum Beispiel die Zivilcourage. Dass man den Mund aufmacht und sagt: So geht es nicht oder das ist unrecht. Den Kindern müssen auch Grenzen gesetzt werden, angefangen bei ganz harmlosen Dingen wie der Uhrzeit des Schlafengehens.
Warum fällt Eltern das so schwer und es muss Sendungen dafür im Fernsehen geben?
Es liegt wohl an einer falsch verstandenen antiautoritären Erziehung. Sie ist ja so verstanden worden, dass keine Grenzen mehr gesetzt werden. Bei der heutigen Vielfalt an Erziehungsratschlägen sind Eltern oft verunsichert, wie sie ihre Kinder erziehen sollen, und überlassen das der Schule, womit die natürlich vollkommen überfordert ist.
Macht die Spaßgesellschaft die Fantasie kaputt?
Das glaube ich nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich zum Beispiel die Fantasie eines Kindes, das sich im Überfluss befindet, mit einem Leben in purer Armut beschäftigen kann. Viele Erwachsene meinen, dass die Fantasie nur etwas für Kinder wäre. Das ist völlig falsch. Auch ein Erwachsener braucht Fantasie und ein Leben mit Fantasie ist viel schöner und faszinierender als ein Leben ohne. Die Fantasie hat eine unglaubliche Kraft.
Sie werden im November für Ihr Lebenswerk geehrt.
Welche Wünsche und Erwartungen an die Zukunft haben Sie?
Wichtig ist mir, dass Leute, die heute aufwachsen, zäh sind und nicht aufgeben. Zum Glück haben wir den Überlebenstrieb. Ich glaube, dass der uns eine Menge helfen wird. Vielleicht sehr spät, aber doch so, dass plötzlich die Menschheit merkt: Hoppla, wir befinden uns ja in allergrößter Gefahr.
Warum haben wir sie bisher verdrängt? Jetzt müssen wir was tun.
Das müsste dann aber ein kollektiver Überlebenstrieb sein und kein individueller ...
Natürlich. Im Hinblick auf die möglichen Folgen des Klimawandels oder der kriegerischen wie auch der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomkraft kann uns nur eine heftige Aufwallung einer kollektiven Überlebenssehnsucht retten. Denn die zwingt zum Handeln.
Was bleibt von einem engagierten, einem nachdenklichen Leben?
Ich glaube, was zählt, sind die Spuren, die man im Bewusstsein der Nachkommen hinterlässt.
Text und Foto: Helen Knust