Der Weg schien vorgezeichnet. Schule. Ausbildung. Beruf. Und erst, wenn die eigene Zukunft gesichert ist, würden sie an Kinder denken. Aber bei Jan und Josefine kam es anders.
Jans Vater war entsetzt. Erst setzt sein Sohn ein Kind in die Welt. Jetzt noch ein zweites. Mitten in der Ausbildung, ohne eigenes Einkommen, ohne das eigene Leben geregelt zu haben. „Das ist doch verantwortungslos“, dachte er, „so etwas kann man doch nicht machen.“
Jetzt sind die Kinder von Jan und Josefine Wagner * sechs und vier. Am Vormittag sind
die beiden in der Kita. Josefine (29) hat bis eben Vorlesung gehabt. Jan hat schon frei, die letzten Prüfungen für dieses Semester sind geschafft. Sie sitzen im Café, bestellen einen Latte macchiato. Und erzählen.
Geplant war es nicht, dass sie mit Anfang 20 schon Eltern wurden. „Aber das Machen war schön“, sagt Jan (29) grinsend. „Wir waren frisch verliebt und die Leidenschaft war größer als die Vernunft.“ Zwei Monate waren sie zusammen. Da ist es passiert. „Wir waren noch so verliebt, dass uns das nicht mal Angst gemacht hat.“
Jan rief seinen Vater an, der auf das erste Kind auch noch mit einem Schuss Gelassenheit reagierte: „Das kriegen wir schon hin.“ Josefines Mutter sagte: „Notfalls kannst du bei uns einziehen.“ „Das gab mir Rückhalt“, sagt Josefine. „Ich wusste, mir kann nichts passieren.“ Zu Jan sagte sie: „Ich pack das. Auch allein. Du kannst dich frei entscheiden.“
Und Jan musste an einen schönen Sommertag denken. Sie saßen in größerer Runde auf einer Wiese. Josefine, die damals noch einen anderen Freund hatte, sagte: „Ich möchte meine Kinder schon im Studium kriegen“, und Jan dachte: „Dann finde du erstmal den Mann, der das mitmacht.“ Denn er hatte für sich selbst beschlossen, dass dieser Planet schon genug Probleme hatte, da müsse er nicht auch noch Kinder zeugen. „Aber manchmal ist es ja auch ganz gut, wenn man es nicht selber entscheidet.“
Das zweite Kind war dann bewusst geplant. Für beide war klar, dass sie kein Einzelkind wollten und auch keinen großen Abstand, sondern Geschwister, die miteinander spielen. Zudem hatten sie das Gefühl, dass das Schwierigste schon geschafft war. Das Leben war umgestellt, die Wohnung eingerichtet, die Steckdosen waren abgedichtet und die Klamotten lagen im Schrank.
Die Familien waren entsetzt. Sie hatten das Gefühl, bei Jan und Josefine läuft das Leben aus dem Ruder. Statt sich um die eigene Zukunft zu kümmern, flüchten die in die kleine Familie. Und stürzen sich dabei in einen Haufen Probleme.
Jan sieht das anders. Von dem Moment an, als er zum ersten Mal den Schwangerschaftstest in der Hand hielt, folgte für ihn das eine aus dem anderen. Was hätten sie tun sollen? Abtreiben? „Das winzige Leben zu töten? Das kam für mich nicht infrage.“ Wenn Josefine sich gegen das Kind entschieden hätte, dann hätte er sie überredet, es zur Welt zu bringen und ihm zu geben. Er schweigt einen Moment. „Ich bin so geprägt“, sagt er dann. Dass ein Kind nicht alleine aufwachsen soll, war für ihn ebenso sonnenklar. Und auch, dass ein drittes nur eine Frage der Zeit ist. Aber vorher möchte zumindest Jan sein Examen.
So sind sie einen Schritt gegangen, dann den nächsten und dann noch einen und jeder Schritt ließ sie wachsen. Einmal hat Jan seinen Vater gefragt, wie der das geschafft hat: Die Kinder großzuziehen, ein Haus zu bauen, Erfolg im Beruf zu haben. „Man muss es sich einfach zutrauen“, war die Antwort.
„Das ist es“, sagt Jan. „Man hat eine Aufgabe, man kann da nicht raus. Man muss das dann durchziehen und nicht straucheln.“ Josefine ergänzt: „Und man braucht jemanden, der einen auffängt, wenn man fällt.“
Für ihn war das eine ganz einfache Nummer: „Da kommt so ein kleines Wesen auf die Welt und pflanzt dir ein Stück Liebe ins Herz, die stärker ist als alles andere.“ Viel hat er dafür über Bord geschmissen oder auf später vertagt – wie seine Lust auf große Reisen. Und viel hat er dabei gewonnen. Er nennt es erfülltes Gottvertrauen, das Gefühl, was auch immer kommt: Da ist einer, der meint es gut. „Ich laufe wie in Watte gewickelt durch das Leben“, sagt er. „Ich komme mir beschützt vor, ich kann mich auf Gott verlassen.“
Rückendeckung bekamen Jan und Josefine übrigens von überraschender Seite: Jans Oma schrieb einen Brief an Josefine. Sie machte ihr Mut. Und sie erzählte von damals, im Krieg, als die Lage noch viel unübersichtlicher
war. Der Mann im Feld. Ein Kind gab es. Und sie wollte ein zweites. „Guck mal an“, schrieb die alte Dame, „ich habe es geschafft und eure Ausgangslage ist so viel besser. Das schafft ihr natürlich auch.“
CORNELIA GERLACH