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echt
Anfang Mai haben wir endlich das ganze Osterzeugs weggeräumt: Die bunten Plastikeier wurden von den Zweigen im Vorgarten geholt, die Häschenschule ist von der Fensterbank wieder in den Pappkarton gewandert, die letzten Schokosachen … – hoppla: Auf dem Bücherregal liegt ja noch ein Strohstern, einsam und vergessen! Den hängen wir spaßeshalber auf und stellen uns vor, wir würden demnächst schon wieder Weihnachten feiern. Am 24. Juli. Draußen knallt die Sonne und uns wird’s ganz warm ums Herz. Ein paar Vorteile hätte das schon. In der entvölkerten Fußgängerzone bummeln wir völlig ohne Hektik. Entspannt stöbern wir nach Geschenken. In den Geschäften werden wir umschwärmt von freundlichen Verkäufern, die einem geduldig alles erklären. Keine Schlangen an der Kasse. Überall ein freier Parkplatz. Auch die Kirche ist leer wie immer. Es gibt allerdings kein Krippenspiel und der Pfarrer erzählt gar nichts von den Hirten. Aber wie erklär ich den Kollegen die Kerzen auf dem Schreibtisch? Seit ich in der Arbeitsbesprechung gefragt habe, wo es gerade günstig Tannenbäume gibt, wird hinter meinem Rücken getuschelt. Auch die Schwiegermutter hat so komisch geguckt, als ich ihr mitteilte, was ich mir wünsche.
Am 1. Juli legen wir feierlich die CD mit den Adventsliedern auf. So müssen sich die Australier fühlen. Bei denen erscheint das Christkind ja immer im Hochsommer und der Weihnachtsmann trägt Shorts. Die richtige Stimmung mag deshalb bei den Menschen auf der Südhalbkugel auch nicht aufkommen. In den Blue Mountains bei Sydney haben sie aus dieser Not eine Tugend gemacht und feiern seit Jahrzehnten schon … genau: „Christmas in July“. Mitten im australischen Winter. Die örtlichen Fremdenverkehrsverbände locken mit verschneiten Wäldern und Berghüttenromantik. Die Geschäfte dort sind weihnachtlich dekoriert, Hotels veranstalten spezielle Wochenenden („Yulefest package“) und in den Restaurants gibt es Weihnachtsmenüs mit Truthahn in Cranberry-Sauce und Christmas-Pudding. Das ist wirklich eine verkehrte Welt in „Down under“: Weihnachten zur falschen Zeit, aber mit dem echten Rummel. Dann doch lieber alles zu seiner Zeit. Und beim nächsten Mal nehmen wir uns auch Zeit. Backen leckere Plätzchen, kaufen die Geschenke nicht erst auf den letzten Drücker, genießen ruhig mal einen Glühwein und mokieren uns nicht über Leute, die „Jingle Bells“ sogar gerne hören. Ganz vorsichtig hängen wir den Strohstern wieder ab und packen ihn zur Krippe und den Christbaumkugeln auf den Dachboden. Erst Ende November wird er wieder hervorgeholt. Advent ist im Dezember – und das ist auch gut so. Wolfgang Weissgerber Illustration: Heiko Sakurai echt Info +++ Weil das ganze Jahr die Liebe fehlt, werden zu Weihnachten die Kinder mit Geschenken bestraft. Hubert Ries +++ Optimist ist ein Mensch, der von den Ereignissen laufend dementiert wird. Peter Sellers +++ Nur ein Narr feiert, dass er älter wird. George Bernard Shaw +++ Herzlichkeit: das Fest, das einzige, das zählt. Kurt Marti +++ |
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erschienen
in echt, 2. Quartal 2009
Copyright by EKHN, Darmstadt |